Griechenland
Zittern vor der Schicksalswahl

Griechenland steht vor dem Kollaps. Mit der Parlamentswahl am Sonntag entscheiden die Griechen auch über ihre Zukunft in der Eurozone. Bei einem Sieg der Radikalen droht die Staatspleite. Die Angst geht um. Das Land ist wie gelähmt.
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AthenHier ist seit elf Jahren kein Flugzeug mehr gestartet, aber die Schilder über der Zufahrt hängen immer noch: „Domestic Departures“, „International Arrivals“. Auf dem Rollfeld steht ein Jumbo-Jet der früheren Olympic Airways. Die Triebwerke fehlen, die Reifen sind platt. Nirgendwo in Griechenland zeigen sich das Versagen der Politik und das Scheitern des Staates so krass wie an diesem Ort: dem früheren Athener Flughafen Ellinikon - ein Geisterairport, Griechenlands Ground Zero.  Halbherzige Versuche, einen Investor für die Entwicklung des 600 Hektar großen Geländes an der Küste des saronischen Golfs zu finden, verliefen im Sande. Die Gebäude verfallen, Unkraut wuchert auf den Runways. Ellinikon symbolisiert den Stillstand.

Nicht, dass es andernorts in Hellas besser aussähe. Seit das Parlament Mitte April aufgelöst wurde, ist das Land politisch gelähmt. Weil sich die zerstrittenen Politiker nach den Wahlen vom 6. Mai nicht auf eine Koalition einigen konnten, müssen die Griechen am Sonntag erneut zu den Urnen. Seit dem Ende der Obristendiktatur 1974 wurde keine griechische Wahl mit so großer Spannung erwartet wie diese. Alles deutet auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen der konservativen Nea Dimokratia (ND) mit dem Bündnis der radikalen Linken (Syriza) hin. Gewinnen die Linksradikalen, stünde Griechenland wohl vor einem einschneidenden Kurswechsel, der das Land aus der Europäischen Union führen könnte. „Die Nervosität ist erheblich“, sagt ein EU-Diplomat in Athen.

Syriza-Chef Alexis Tsipras verspricht ein Ende des unpopulären Sparkurses, er wirbt um Proteststimmen – erfolgreich, wie bereits die Wahl im Mai zeigte, als die Tsipras-Partei ihren Stimmenanteil von 4,6 auf fast 17 Prozent steigerte. Andererseits beginnen sich viele Griechen zu fragen, ob Tsipras mit seinem Konfrontationskurs gegenüber der EU das Land womöglich aus der Währungsunion katapultiert. Das könnte den  Staatsbankrott bedeuten. War der erste Urnengang noch ein Votum der Wut, so wird diese Abstimmung für viele Griechen zu einer Wahl der Angst – der Angst vor dem Absturz.

In den letzten zwei Wochen vor einer Wahl dürfen in Griechenland keine Umfrageergebnisse mehr veröffentlicht werden, um die Wähler nicht zu beeinflussen. Befragungen werden aber weiter durchgeführt – vor allem im Auftrag der politischen Parteien. Auch von den USA heißt es, sie ließen über Dienste in Athen Erhebungen durchführen. Trotz des Publikationsverbots dringt manches nach außen. Danach liegen Syriza und ND in den meisten Umfragen weiterhin so nahe beieinander, dass wegen der Fehlertoleranz solcher Untersuchungen keine eindeutige Prognose möglich ist. Es könnte also sehr knapp werden. Beobachter erinnern an die Wahlnacht vom 9. April 2000. Damals signalisierten alle Hochrechnungen zunächst einen Wahlsieg der Konservativen. Erst gegen fünf Uhr am Montagmorgen stand fest: der Sozialist Kostas Simitis hatte die Wahl gewonnen – mit einem Vorsprung von 72.400 Stimmen.

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  • Und was können jetzt die Franzosen dafür, dass in Deutschland dank verfehlter Familienpolitik über Jahrzehnte die Geburtenrate fast um die Hälfte niedriger ist?

  • In einem Land Rente mit 60 in dem anderen mit 67 bei identischem Lebensstandard & Kaufkraft des EUR.

    Klaro, einfach mal ein Auge zudrücken und sich krumm machen weil die anderen halt gerne ausschlafen.


  • Das ist schon korrekt; die EU ist kein Europa der Völker, sondern ein Selbstbedienungskonstrukt unverschämt Polit-Schmarotzer und das benötigt keiner und deshalb wäre es auch nicht schade darum.

    Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende und noch jahrelang Geld zum Fenster rausgeworfen bzw. hirnlose Vorschriften aus Brüssel akzeptiert.

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