Griechenlands Opposition
Auf der Suche nach dem Anti-Tsipras

Für die Nea Dimokratia erwiesen sich die griechischen Neuwahlen nach optimistischen Prognosen als herbe Enttäuschung. Nun steht Griechenlands konservative Opposition vor einem Führungswechsel – oder auch nicht.

Für Alexis Tsipras war die Parlamentswahl vor zwei Wochen ein Triumph, für die konservative Nea Dimokratia (ND) eine herbe Enttäuschung: Obwohl die meisten Meinungsforscher Tsipras‘ Linksbündnis Syriza und die ND nahezu gleichauf sahen und manche Demoskopen sogar dem ND-Vorsitzenden Vangelis Meimarakis den Sieg in Aussicht stellten, ging Syriza mit einem unerwartet deutlichen Vorsprung von sieben Prozentpunkten aus dem vermeintlichen Kopf-an-Kopf-Rennen Rennen als klarer Sieger hervor.

Während der wiedergewählte Premier Tsipras jetzt an seiner zweiten Regierungserklärung feilt, versucht die ND, wieder Tritt zu fassen. Voraussichtlich Ende Oktober oder Anfang November soll die Parteibasis in einer Urwahl einen neuen Vorsitzenden bestimmen. Vier Kandidaten treten an. Die Kür des künftigen Spitzenmanns entscheidet auch über die politische Ausrichtung der Partei: Bleibt die ND auf Rechtskurs oder öffnet sie sich zur liberalen Mitte?

Was die ND jetzt sucht, ist im Grunde ein Anti-Tsipras. Keine leichte Aufgabe, denn nach seinem unerwartet klaren Wahlsieg und der Neutralisierung des linksextremen Syriza-Flügels ist der 41-jährige Tsipras mehr denn je die dominierende Figur auf der politischen Bühne Griechenlands. Der amtierende Parteichef Meimarakis traut sich zu, es noch einmal mit Tsipras aufzunehmen und kandidiert erneut für den Vorsitz, trotz der verlorenen Wahl.

Der 61-Jährige ist ein Berufspolitiker der alten Schule. Der Kreter kommt aus einer bürgerlich-konservativen Politikerfamilie. Als Tsipras 1974 geboren wurde, war der 20-jährige Meimarakis bereits Parteimitglied der ND. Seit 26 Jahren sitzt er im Parlament. Er hat also viel politische Erfahrung – ist aber damit auch ein Repräsentant der alten politischen Klasse, die Griechenland mit Vetternwirtschaft und Schuldenmachen an die Wand gefahren hat.

Eine Altlast trägt auch Kyriakos Mitsotakis, der als erster seinen Hut für den Parteivorsitz in den Ring geworfen hatte. Sein Problem ist sein Familienname. Er gehört zu einer der großen griechischen Politiker-Dynastien. Die Linie der Sippe lässt sich zurückverfolgen bis zu dem legendären Staatsmann Eleftherios Venizelos. Kyriakos‘ Vater Kostas war ND-Vorsitzender und von 1990 bis 1993 Ministerpräsident. Er brachte die ND auf einen liberalen Kurs, war aber deshalb in den Augen vieler Konservativer ein Fremdkörper in der Partei.

Kyriakos Mitsotakis weiß: Seine Familie kann eine Bürde sein. Das erfuhr schon seine älteste Schwester Dora Bakogianni. Die frühere Außenministerin unterlag 2009 bei der Wahl zum ND-Parteivorsitz gegen den rechtsgerichteten Antonis Samaras. Jetzt sagt Kyriakos Mitsotakis: „Ich bin stolz auf meinen Namen, aber ich will nicht als Nachfolger meines Vaters gewählt sondern nach dem beurteilt werden, was ich selbst geleistet habe.“

Das ist einiges: Studium in Harvard und Stanford, eine berufliche Karriere, die ihn von der Chase Manhattan Bank in London über McKinsey & Company bis zur National Bank of Greece führte. Dann ging er doch noch in die Politik, „mit der mich eine Art Hassliebe verbindet“, wie er selbst sagt. Jetzt will der 47-Jährige die ND von Grund auf erneuern.

Erneuerung verspricht auch der 37-jährige Apostolos Tsitsikostas. Der Politiker aus dem nordgriechischen Thessaloniki ist der Überraschungskandidat – und selbst für viele in der Partei ein unbeschriebenes Blatt. Für ihn könnte sprechen, dass er einen politischen Generationswechsel verkörpert – wenngleich auch er aus einer Politikerfamilie kommt: Sein Vater war Parlamentsabgeordneter. Tsitsikostas hat allerdings ein großes Handicap: Er ist Regionalpräfekt von Zentral-Makedonien und hat kein Mandat im griechischen Parlament. Für die Rolle des Oppositionsführers kommt er mithin vorerst nicht in Frage.

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Kandidat für den rechten Parteiflügel

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