Griechischer Ex-Finanzminister: „Alles war legal“

Griechischer Ex-Finanzminister
„Alles war legal“

Nicos Christodoulakis führte Griechenland als Finanzminister in den Euro. Er bestreitet nicht, dass sein Land die Regeln „flexibel“ auslegte. Das gelte aber auch für Deutschland. Kanzlerin Merkel kritisiert er scharf.
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Als er noch griechischer Finanzminister war, reiste Nicos Christodoulakis gerne nach Deutschland. Er hält bis heute Kontakt zu seinem damaligen Amtskollegen Hans Eichel. Für den ehemaligen Kanzler Gerhard Schröder findet er viele lobende Worte. Sehr viel kritischer sieht er dessen Nachfolgerin. Was für eine Schande, Frau Merkel, schrieb er im vergangenen Jahr in einem offenen Brief. Jetzt ist Christodoulakis zum ersten Mal seit 2006 wieder in Deutschland. Wir treffen ihn zum Gespräch im Dom Hotel in Augsburg.

Herr Christodoulakis, als Finanzminister haben Sie Griechenland den Euro gebracht. Sind Sie stolz darauf?
Ich bin sehr stolz. Das war eine schwierige Aufgabe, denn ich musste die Ausgaben durch harte Einschnitte in den Griff kriegen. Die Einführung war ein Meilenstein für Griechenland. Ich würde es ohne zu zögern wieder tun.

Griechenlands Beitritt kam zu früh. Stimmen Sie zu?
Nein. Wir sind ja mit zwei Jahren Verspätung dem Euro beigetreten. Es war nicht nötig, noch länger zu warten.

Hat Griechenland geschummelt, um sich für den Beitritt zu qualifizieren?
Natürlich hat Griechenland die Flexibilität genutzt, die zur damaligen Zeit für alle Beitrittsländer möglich war. Es gab aber keine Extrawürste für uns und wir haben auch keine verlangt. Wenn Griechenland geschummelt hätte, wären einige Dinge längst von Eurostat (Europäische Statistikbehörde, Anm. d. Red.) oder den Märkten aufgedeckt worden.

Was ist der Unterschied zwischen Flexibilität und Schummeln?
Alles, was wir getan haben, war legal und transparent.

Wie haben Sie die „Flexibilität“ genutzt?
Wir haben einige Dinge getan, um in den Euro reinzukommen. Zum Beispiel haben wir die Mehrwertsteuer 1999 gesenkt, um die Inflation zu drücken. Wir haben Vermögensteuern angehoben, um die Einnahmen zu erhöhen. Und wir haben die Verteidigungsausgaben zwar in die Gesamtverschuldung eingerechnet, aber nur schrittweise ins Haushaltsdefizit. Diese Methode wurde zunächst kritisiert. Seit 2006 ist sie aber zum Standard  für die gesamte EU geworden.

Manch einer würde das Manipulation nennen…
Ich kenne viele Länder, die sehr kontroverse Dinge getan haben, um die Zahlen zu beeinflussen und dem Euro beizutreten, auch Deutschland. Andernfalls hätten nur sehr wenige Länder die Maastricht-Kriterien erfüllt. Zum damaligen Zeitpunkt wären nach der ursprünglichen Interpretation nur sehr wenige Länder in der Lage gewesen, der Euro-Zone beizutreten. Dann wäre der Euro eine sehr kurzlebige Angelegenheit geworden.

Was meinen Sie konkret?
Deutschland hat seine Krankenhäuser nicht zum öffentlichen Sektor gezählt und aus der Berechnung herausgenommen. Frankreich beschloss, dass der Sozialversicherungsfonds des staatlichen Telefonkonzerns nicht mehr zum öffentlichen Sektor gehöre. Belgien verkaufte Gold. Griechenland hat solche Dinge nicht getan.

Kommentare zu " Griechischer Ex-Finanzminister: „Alles war legal“"

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  • Die Griechen sitzen in der Tinte, nicht die BRD (noch nicht)!
    Solange die Griechen in ihrer finanziellen Lage nicht auf die zwangsläufige Durchführung von Zwangshypotheken, richtige Besteuerung der Oberschicht und viele der hier schon auf geführten Maßnahmen, zurückgreift, darf kein Euro mehr an Hilfe fließen. Das wäre Perlen vor die Säue geworfen.
    Wenn schon im Hintergrund Dinge zu berücksichtigen sind, die auf die BRD zurückwirken (könnten), so auf den Tisch damit. Besser ein Ende mit Schrecken, als weiter Schrecken ohne Ende. Diese Herumeierei ist schon länger unerträglich. Mit Logik, Vernunft und Fortschritt hat das alles seit längerer Zeit nichts mehr zu tun.
    Oder ist es nur die Angst unserer Politiker, daß die Schuldzuschreibung, mit Reparationsforderungen der ganzen Welt, wegen der Fehler unserer Vorfahren noch unerträglicher werden würde?

  • Legal ist auch, dass man die Finanzmärkte massiv dereguliert hat, man an den Finanzmärkten spekulieren kann, ohne eigenes Geld in die Hand nehmen zu müssen, legal sind auch die vielen Steueroasen, die vielen Offshore Gesellschaften zum Zweck der Steuervermeidung, legal ist auch die Millionenfachen Bonus Zahlungen, auch fürs Versagen?

    Legal ist auch die Kosten dieser Spekulationen zu sozialisieren und die Gewinne zu privatisieren? Legal ist auch das Banken mit Milliarden gerettet werden mussten, weil diese sich verspekuliert haben? Das scheint niemand wirklich in diesem Land zu interessieren, aber wenn ein Hartz IV Empfänger angeblich 2,50 Euro erschlichen hat, schwarzgefahren ist oder ähnliche, wird sanktioniert, bis zur Obdachlosigkeit alles legal?

    Länder die von Deutschland niederkonkurriert wurden und werden ganz legal natürlich, jetzt als Betrüger und oder als „Faul“ bezeichnet? Obwohl nachweislich unseriös, es ist der Mehrheit egal, denn die Propaganda Karawane hat schon ihre nächsten „Täter“ im Visier: "Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien, die sich angeblich sozial Leistungen erschleichen?

    Ja merkt denn keiner was mehr in diesem Land? Genau diese Art von menschenverachtende Propaganda, welche ja immer nie einen selbst betrifft, führte doch zu die größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Deutschland? Wenn schon die Medien und Politik versagen, dann hoffe ich, dass es wenigstens noch ein paar merken, in welche Richtung schon wieder andere für das eigene Versagen, und mit Vorliebe die Schwächsten, weil die können sich ja nicht wehren, Stimmung betrieben wird?

  • Und wer wirft Deutschland das Geld hinterher? Erst den Euro einführen, um dann alles in Europa niederkonkurrieren zu können? Denn erst als der Euro eingeführt war, und sich die Länder deshalb nicht mehr wehren konnten, wurde dies möglich. Aber in Deutschland scheint wieder der Irrtum oben auf? Deshalb kann ich nur noch an dieser Stelle Goethe zitieren: "Man muss das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns herum immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von Einzelnen, sondern von der Masse, in Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten. Überall ist der Irrtum obenauf, und es ist ihm wohlig und behaglich im Gefühl der Majorität, die stets auf seiner Seite ist."

    Warum ist die Mentalität vieler Deutschen noch immer, die Schwächsten und Minderheiten sind wieder einmal an allem Schuld? Schon vergessen zu was dieser Irrtum geführt hat am Ende? Hinterher war es niemand natürlich nicht gewesen?

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