Griechischer Ministerpräsident
Tsipras surft trotz Sparkurs auf Popularitäts-Welle

Während seine Minister über vorgezogene Neuwahlen diskutieren, baut Tsipras nach sieben bewegten Monaten im Amt seine Macht weiter aus. Trotz Sparkurs surft der griechische Ministerpräsident auf einer Popularitäts-Welle.
  • 3

AthenAlexis Tsipras hat sein Land an den Rand des Abgrunds geführt, um dann in letzter Minute noch eine Kehrtwende zurück zur Sparpolitik zu machen. Seine einzige konkrete Leistung ist das dritte Hilfspaket für Griechenland. Dies ist allerdings mit solchen Lasten verbunden, dass Teile seiner linken Syriza-Partei mit Spaltung drohen. Und trotzdem leitet der Ministerpräsident die Geschicke Griechenlands, ohne dass ein ernstzunehmender Herausforderer in Sicht wäre.

Während seine Minister öffentlich über vorgezogene Neuwahlen diskutieren, baut Tsipras nach sieben bewegten Monaten im Amt seine Macht gestützt auf seine Popularität weiter aus. Griechen lieben Kämpfernaturen. Wähler und Parteifreunde bewundern ihn dafür, dass er der Euro-Zone und dem Internationale Währungsfonds die Stirn geboten hat, auch wenn er am Ende verlor. Vor allem sehen sie den charmanten und charismatischen 41-Jährigen als den unbefleckten Führer eines Landes, das ein schlimme Korruptionsgeschichte hat und seit Jahren dicht vor dem Staatsbankrott steht.

„Tsipras ist im Moment der populärste Politiker. Er ist jung und unverbraucht. Und er war nie in einen Skandal verwickelt“, sagt Ilias Tiganis, ein Kioskbesitzer im Athener Zentrum. „Die Menschen vergessen nicht, dass frühere Regierungen und Oppositionsparteien das Land in die jetzige Lage gebracht haben." Und auch der Politikwissenschaftler Thomas Gerakis sagt: „Die Syriza-Wähler glauben, dass Tsipras in der Euro-Zone ehrenvoll gekämpft und rausgeholt hat, was möglich war.“ Die Wähler machten für den Sparkurs eher die übrige Euro-Zone verantwortlich als Tsipras. Er selbst sagt, mehr sei nicht drin gewesen: „Ich habe ein reines Gewissen.“

Wie beliebt genau Tsipras ist, bleibt unklar. In einer Umfrage vom 24. Juli schätzten mehr 61 Prozent der Befragten ihn positiv ein. Die Syriza-Partei hätten demnach knapp 34 Prozent gewählt. Sie wäre damit mit Abstand stärkste Kraft geworden, hätte aber wieder einen Koalitionspartner gebraucht. Jüngere Befragungen nach Einigung auf das Hilfspaket gibt es nicht. Die Urlaubszeit macht repräsentative Umfragen kaum möglich.

Klar scheint aber, dass die Unterstützung für Tsipras bröckeln wird. "Der wirkliche Test für seine Regierung wird in einigen Monaten kommen, wenn die Menschen die Folgen der Auflagen der Geldgeber spüren", sagt Wahlforscher Gerakis. Dazu gehören etwa Steuererhöhungen. Zudem werden zumindest Teile der Kapitalverkehrskontrollen noch einige Zeit in Kraft bleiben. Diese treffen vor allem die Unternehmen, was deren Entwicklung behindert und die Arbeitslosigkeit treiben könnte. Diese liegt immer noch bei 25 Prozent.

Tsipras braucht eine Mehrheit im Parlament für die einzelnen Reformschritte. Während die Opposition ihn beim Hilfspaket insgesamt noch gestützt hat, gilt dies für die nächsten Gesetzesvorhaben als wenig wahrscheinlich. Einige Minister haben daher bereits eine Vertrauensabstimmung im Parlament gefordert. Sollte Tsipras diese wegen der Abweichler in seiner Syriza-Partei verlieren, wäre der Weg zu Neuwahlen frei.

Und je schneller diese kommen, umso besser könnte es für Tsipras auf der jetzigen Welle seiner Popularität sein. Zumal Konkurrenz nicht in Sicht ist. Die sozialistische Pasok-Partei, unter der das erste Hilfspaket 2010 ausgehandelt wurde, hat gerade noch 13 Abgeordnete. Und die konservative Nea Dimokratia hat nur einen kommissarischen Vorsitzenden. Der frühere Ministerpräsident Antonis Samaras war nach der von Tsipras ausgerufenen Volksabstimmung, bei der sich eine große Mehrheit gegen ein Rettungspaket gewandt hatte, zurückgetreten.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Griechischer Ministerpräsident: Tsipras surft trotz Sparkurs auf Popularitäts-Welle"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Zurücktreten!
    --------------------------
    Der griechische Premier Alexis Tsipras steht vor dem Rücktritt. Er will nach FOCUS-Online-Informationen noch heute Abend sein Amt abgeben. Neuwahlen in Griechenland werden für den 13. oder 20. September erwartet. Dabei hatten die Finanzminister der Euro-Gruppe Ende letzter Woche den Weg für das dritte Griechenland-Hilfsprogramm geebnet und die erste Tranche in Höhe von 26 Milliarden Euro freigegeben.

    Ich verspreche, dass ich alle Reformvorhaben in der Luft zerreißen werde.
    Reformen - weiche von mir, Satan!

  • Auch wenn ich kein Geld an Griechenland geben möchte, glaube ich nicht daran, dass wir darum je umherkommen werden. http://bit.ly/1I1Pnn9

  • Die Popularität von Tsipras ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass er jetzt der einzige ist, der das alte Klientelsystem weiterführen kann. Die alten Parteien haben die Klientel mit den Memoranden "verraten". Er hat nur reinen Familienklientelismus betrieben während dieser 6 Monate im Regierungsamt. Ein ruecksichtsloser Machtbesessener.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%