Großbritannien
Alkoholprobleme auf der Insel

Großbritannien hat ein ernsthaftes Alkoholproblem. Die Abschaffung der Sperrstunde sollte den Konsum auf europäisches Maß normalisieren. Doch stattdessen sind die Innenstädte zum nächtlichen Revier der Komasäufer geworden – eine Bilanz.

LONDON. Niemand in der britischen Labour-Partei wollte sich am Dienstag noch daran erinnern, wer eigentlich das Wort von der „Café-Kultur“ aufbrachte. Auch Briten sollten damals die Chance bekommen, zivilisiert zu werden. Maßvoll zu trinken wie die Nachbarn auf dem Kontinent. Bis spät in die Nacht am Weinglas nippen, anstatt, getrieben von dem Ruf „last orders“, kurz vor der Closing Time noch ein paar Pints in sich hineinzuschütten. „Mediterranes Trinken“ eben, wie Tony Blair es im Urlaub in der Toskana kennengelernt hatte. Und so wurde, in einem von Blairs kühnsten Reformvorhaben, 2005 die verhasste Closing Time abgeschafft. Mit einem neuen Schankgesetz sollten die durch ihre Express-Saufkultur des „Binge Drinking“ berüchtigten Briten wenigstens an einem Punkt europäischer werden.

Jetzt legte Kulturminister Andy Burnham den ersten Erfahrungsbericht zu dieser Mission vor. Er fällt, räumte er ein, gemischt aus: „Die Menschen nutzen die neuen Freiheiten, aber noch nicht die beträchtlichen Befugnisse im Kampf gegen unverantwortlichen Umgang mit dem Alkohol.“ Den Vorwurf, das Gesetz habe einer „24-Stunden-Saufkultur“ den Weg bereitet, konnte er entkräften. Pubs und Bars halten im statistischen Gesamtdurchschnitt heute nur 21 Minuten länger offen als einst – also bis 23:23 Uhr. Nur 470 Pubs, Bars und Nachtclubs sind tatsächlich rund um die Uhr geöffnet.

Das genügt offenbar aber, viele Stadtzentren in den Abendstunden zu „No go“-Zonen für alle außer den härtesten Komatrinkern zu machen. Gegröle, Schlägereien, Vandalismus bestimmen die Szenerie. Der Duft von Erbrochenem liegt in der Luft. „Dicke Mädchen in Miniröcken können nicht schnell genug aus ihren Kleidern hüpfen“, schrieb die russische Autorin Olga Freer in einem neuen Buch über die Briten. Briten, behauptet sie, trinken inzwischen mehr als die Russen.

Polizei, Kommunalbehörden, Gesundheitsbehörden, die Opposition – alle haben das Gesetz kritisiert. „Über eine Million alkoholbedingter Verbrechen gegen Menschen, das ist doch keine erfolgreiche Politik“, wettert Oppositionssprecher David Davis. Die Gewalt zwischen 18 Uhr und sechs Uhr ist gestiegen, zwischen drei und sechs Uhr morgens sogar um ein Viertel. Schon muss die Polizei Beamte für den Nachtdienst abziehen. „Niemand gibt uns dafür das Geld“, klagt Polizeichef Chris Allison. Der Chef des Verbandes der Kommunalbehörden, Sir Simon Milton, stimmt zu: „Das Gesetz wollte Großbritanniens Trinkkultur ändern. Das ist gründlich misslungen.“

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