Großbritannien
Brown und Labour: Hoffen auf ein Wunder

Wo immer Labourpolitiker in dieser Woche an Brightons Seepromenade auf das Meer schauen und den Horizont absuchen – ihr Blick fällt unweigerlich auf das abgebrannte Wrack des alten Westpiers. Ein drohendes Symbol für die kommende Wahlkatastrophe. Premier Gordon Brown hilft eigentlich nur noch ein Wunder – und genau dieses wollen er und Labour erzwingen.

BRIGHTON. „Denkt nicht daran, was wir tun werden, wenn wir die Wahl verloren haben“, fleht Kabinettsminister John Denham, der seinen Parteifreunden in einem Kinosaal Mut einredet. „Dafür werden wir endlos viel Zeit haben. Jetzt ist die Frage, ob wir noch den Machthunger haben, uns an der Regierung zu behaupten.“

Parteichef Gordon Brown gab sich am Dienstag bei seiner Rede alle Mühe, genau diesen Hunger zu demonstrieren. Den Blick stur nach vorne gerichtet versprach er den Briten „nicht die vierte Labourregierung in Folge, sondern die erste Labourregierung im neuen globalen Zeitalter“. Nach der globalen Krise brauche Großbritannien jetzt ein „neues Modell für die Wirtschaft, ein neues Modell für die Gesellschaft und ein neues Modell für die Politik“. Spätestens im kommenden Mai finden in Großbritannien Neuwahlen statt – und in allen Umfragen liegt Labour weit, weit zurück.

Daher geht Brown in die Offensive und kündigt Reform um Reform an. Zum Beispiel eine neue „nationale Investment Corporation“. Dahinter steht der Plan, die Post zu einer Volksbank auszubauen, ein „Familieninterventionsplan“, bei dem Teenager-Mütter und Problemfamilien unter eine direkte Sozialaufsicht gestellt werden. Als Reaktion auf den Spesenskandal, der weite Teile des Establishments erfasst hatte, versprach der Premier eine umfassende Verfassungsreformen und ein Referendum über eine neues Wahlrecht. Vor allem mit den harten Maßnahmen gegen unsoziales Verhalten greift Brown tief in die Trickkiste seines Vorgängers Tony Blair. Es war ein direkter Appell an die Mittelschichtwähler, die Blair 1997 in seinem historischen Wahlsieg aus dem Lager der Tories zu Labour herübergezogen hatte und die sich wieder abwenden.

Wie sehr sich die Gesellschaft in den Labour-Jahren gewandelt hatte, zeigte sich am Dienstag auf den Titelseiten des Landes. Die waren nicht von Berichten über den Parteitag oder die Verlängerung der Abwrackprämie dominiert, sondern von der Geschichte einer Mutter, die ihre behinderte Tochter und sich tötete, weil sie zehn Jahre lang von Jugendbanden drangsaliert wurde – ohne dass die Polizei ihre Hilferufen beachtete. Nichts illustriert die Wahlkampfthese der Tories besser, die Großbritanniens „zerbrochener“ Gesellschaft anprangern – und Labour die Verantwortung zuweisen.

Brown räumte in seiner Rede indirekt ein, dass er eigentlich ein Wunder benötigt, dass allein ein wirtschaftlicher Aufschwung für sein Comeback nicht reichen wird. Meinungsforscher wie Bob Worcester sehen gar ein Paradox: Je besser die Wirtschaftsaussichten, je geringer die Angst vor der Krise, desto tiefer sinkt Labours Zustimmungsquote, weil andere Themen, die seit Jahren an den Wählern nagen, wieder in den Vordergrund treten.

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