Großbritannien
Cameron kämpft gegen Image des feinen Pinkels

David Cameron wird wohl Großbritanniens nächster Premier. Doch das Misstrauen ihm gegenüber ist enorm – daheim ebenso wie im Ausland. Mit seiner Rede auf dem Parteitag seiner Konservativen heute will er die Skeptiker bekehren.

MANCHESTER. In der plüschigen Lobby des Grand Midland Hotels zu Manchester, so scheint es, halten die britischen Konservativen die Macht bereits wieder in Händen. Die Anzüge der Herren an der Bar schimmern ein wenig dunkler, die Krawatten ein wenig festlicher als in den vergangenen zwölf Oppositionsjahren. Damen sind kaum anzutreffen.

Das Land macht den Machthabern in spe schon den Hof. 2000 Journalisten haben sich angesagt. Seit Jahrzehnten standen die Stände der Sponsoren aus der Industrie auf dem Parteitag nicht mehr so dicht. Auf dem Plasmabildschirm des Hotels sind sämtliche Empfänge und Cocktailpartys aufgelistet: Nachts um halb elf beginnen die letzten.

Aber Champagner hat Parteichef David Cameron den Seinen zum Parteitag verboten. Schließlich stehen dem Land schwere Zeiten bevor. Man demonstriert Verantwortungsbewusstsein. „Cameron ist zäh, und er hat uns diszipliniert“, sagt Sachin Rajput, 31, Rechtsanwalt und Tory-Kandidat in einem Londoner Wahlkreis. „Ich glaube, wir werden die Wahl gewinnen.“ Rajput ist sich sicher, dass etwas Neues kommt, und er will von Anfang an mit dabei sein.

Seit Monaten liegen die „Tories“, die Konservativen, in den Umfragen vorne. Die Arbeiterpartei von Premierminister Gordon Brown gilt schon als so gut wie abgewählt.

Der Grund ist David Cameron. Er hat das Image der Thatcher-Partei entgiftet und so seine modernisierte Truppe wieder attraktiv gemacht. Spätestens im Juni 2010 muss Brown die Briten wählen lassen.

Aber das Misstrauen gegenüber Cameron ist geblieben – aus drei Gründen. Erstens macht vor allem die Wut über Labour seine Tories populär. Zwei Drittel derer, die heute konservativ wählen würden, könnten ihre Meinung wieder ändern, sagen Meinungsforscher. Zweitens weiß jeder zweite Briten laut einer Umfrage nicht, wofür David Cameron eigentlich steht. Und drittens haftet an ihm der Verdacht, er sei ein „Toff“, ein feiner Pinkel, der seinen Erfolg vor allem der richtigen Mischung aus Königskindern, Baronen, Börsenmaklern und Eton-Schülern im Stammbaum verdankt.

Wenn David Cameron heute zur Abschlussrede des Parteitags ans Pult tritt, muss er diesen Argwohn besiegen.

Der Parteichef weiß, dass ihn viele Briten für einen schlüpfrigen Verkäufer halten, der – wie einst Tony Blair – das Verkaufsgespräch perfekt beherrscht, dessen Warenangebot aber mindere Qualität hat. „Dies ist keine Feier“, sagte Cameron, als er den Parteitag am Montag eröffnete. Er stand in der ehemaligen Bahnhofshalle vor einer himmelblauen Leinwand, über die Schäfchenwölkchen huschten. „Wir müssen dem Volk diese Woche in die Augen sehen und zeigen, dass wir bereit sind, durch harte Zeiten in eine bessere Zukunft zu führen“, sagte er seinen Parteifreunden, meinte aber wohl vor allem sich selbst.

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