Großbritannien
Der neue König von England

Großbritanniens finsterer Wirtschaftsminister Peter Mandelson gilt unverhofft als mächtigster Mann in London - weil er Premier Gordon Brown den Job rettete.

LONDON. So finster sieht er doch gar nicht aus, der, den sie als "Prinz der Finsternis" fürchten. Ganz entspannt lehnt Peter Mandelson im Türrahmen seines Büros, die Arme vor dem schlaksigen Körper gefaltet, ein dünnes Lächeln im Gesicht, das irgendwo zwischen spöttisch und gerissen changiert. "Ja doch", gibt er etwas später zu, zuletzt habe es schon "etwas Ablenkung" von seinem Job als Wirtschaftsminister Großbritanniens gegeben, und angesichts dieses selbst für britische Verhältnisse ungewöhnlich dreisten Falls von Understatement wird sein Lächeln noch eine Spur durchtriebener.

Den düsteren Spitznamen haben die Medien dem Ex-Spindoktor der Labour-Partei vor Jahren angeheftet. Heute müsste der 55-Jährige längst zum König oder gar "Kaiser der Finsternis" geadelt werden. Nach anderthalb Wochen in der britischen Regierung, die mit ihren Rankünen und Dolchstößen jeder Shakespeare-Tragödie Ehre gemacht hätten, gibt es bei der Arbeiterpartei Heerscharen von Verlierern - und einen großen Gewinner: Lord Peter Mandelson.

Frisch ausgestattet mit dem Titel des "First Secretary of State", ist der 55-Jährige seit der Kabinettsumbildung quasi stellvertretender Premierminister. Aber wichtiger noch: Gegen seinen Willen geht bei Labour nichts mehr. Er ist der Königsmacher und, wenn es sein muss, auch der Königsmörder.

Es war Mandelson, der eine Kabinettsrevolte erstickte und Premier Gordon Brown vor der Arbeitslosigkeit rettete. Bleibt nur die Frage, warum der Strippenzieher Mandelson seinem Intimfeind Brown zu Hilfe eilte. Also: Warum das alles, Herr Minister?

Die Beine locker übereinandergeschlagen, sitzt Mandelson in einem der tiefen Leder-Fauteuils seines Ministerbüros. Und lässt die Folgen des Politkrimis rund um die Downing Street Revue passieren.

Am Donnerstag vor einer Woche, kurz vor 22 Uhr, klingelte dort das Telefon im Haus mit der Nummer 10, dem Sitz der Premiers. Dran ist Arbeitsminister James Purnell. Er kündigt Brown seinen Rücktritt an, und er lässt keinen Zweifel daran, dass er es für das Beste hielte, wenn der Premier seinem Beispiel folgte. Purnell hat noch nicht aufgelegt, da flimmert die Neuigkeit schon über die Fernsehschirme - ein präzis geplanter Schlag gegen den Premier. Brown soll vor Wut blass geworden sein, heißt es in London. Spätestens jetzt ahnt er, wie es um ihn steht. Zwar waren zuvor bereits Innenministerin Jacqui Smith und Regionalministerin Hazel Blears aus Unmut über seinen autoritären Regierungsstil zurückgetreten. Aber anders als sie ist Purnell nicht in den Spesenskandal verstrickt, der die britische Politik seit Wochen erschüttert. Und Purnell ist der erste Ex-Weggefährte, der offen Gordon Browns Rücktritt fordert.

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