Großbritannien: „Heute sind wir alle Thatcheristen“

Großbritannien
„Heute sind wir alle Thatcheristen“

Für eine Versöhnung mit Margaret Thatcher ist es für manch einen selbst auf ihrer Beerdigung zu früh. Doch die erwartete große Protestwelle bleibt aus - und so wird die Beerdigung doch noch zu einem würdevollen Ereignis.
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London„Nach dem Sturm eines kontroversen Lebens ist nun alles ruhig”, so beginnt Richard Chartres der Bischoff von London sein Gedenken an Margaret Thatcher. „Heute ist sie eine von uns, Teil des Schicksals, das alle menschlichen Wesen erwartet. Es gibt ein legitimes Interesse an der Debatte über ihr Erbe, aber heute ist nicht der Platz und die Zeit dafür“. Mit diesen versöhnlichen Worten versucht der Geistliche bei der Trauerfeier für die verstorbene Premierministerin in der Londoner St. Pauls Kathedrale die Gräben zu schließen, die auch 23 Jahre nach dem Rücktritt der kontroversen Regierungschefin die britische Gesellschaft trennen. Aber für Einige ist es für eine Versöhnung mit Thatchers Erbe offenbar noch immer zu früh.

Kritisch blicken die Polizisten auf das vierköpfige Grüppchen einige hundert Meter von St. Pauls entfernt. Die Demonstranten halten ein Plakat hoch: Die Worte „Ruhe in Frieden“ sind darauf durchgestrichen und mit dem Satz „Ruhe in Schande“ überschrieben. Sie haben Trillerpfeifen umgehängt, benutzen sie aber nicht. „Wir wollen nicht provozieren“, sagt Olga, eine der beiden Frauen in der Vierergruppe, „wir können aber nicht einfach tatenlos diesen pompösen Feierlichkeiten zusehen, die diese Frau einfach nicht verdient hat.“ Man wolle einen Kontrapunkt setzen.

Aber die von vielen befürchtete große Protestwelle blieb aus. Unter den tausenden von Schaulustigen, die den Weg des Trauerzugs säumten, schienen die Bewunderer Thatchers in der klaren Mehrheit zu sein. So wie Rosemary Nolan, die leicht erhöht auf Treppenstufen im Eingang eines Geschäfts in der Nähe der Londoner St. Pauls Kathedrale steht. "Seit sieben Uhr früh sind wir hier", erzählt die 69-jährige Amerikanerin, die mit einer Freundin eigens zur Beerdigung der Eisernen Lady in die britische Hauptstadt gekommen ist. "Eigentlich hatten wir gedacht, wir würden zu den ersten gehören, die sich hier in Position bringen."

Doch andere waren schneller, einige haben offenbar fast die ganze Nacht hier zugebracht, eingewickelt in Schlafsäcke, ausgestattet mit Thermoskannen mit heißem Tee und einigen Sandwiches. Sie stehen jetzt vor Nolan, direkt an den Absperrgittern, halten ihre Union-Jack-Fähnchen in der einen Hand und Plakate in der anderen. "Vielen Dank, Maggie, Ruhe in Frieden", heißt es auf einem der Plakate, "wir werden dich nie vergessen", steht auf einem anderen.

Nolan und ihre Freundin haben sich ganz spontan zu einem London-Kurzurlaub entschlossen. "Wir haben über diese unsäglichen Proteste gegen Maggie gelesen", sagt die Rentnerin, "und uns gedacht, dem müssen wir etwas entgegensetzen, es kann ja nicht sein, dass eine Politikerin, die so viel für den Weltfrieden getan hat, jetzt so in den Schmutz gezogen wird."

So wurde die Trauerfeier nach all den Kontroversen der vergangenen Tage doch noch zu einem würdevollen Ereignis. Das war längst nicht immer klar, denn nicht nur um Thatchers politisches Erbe auch um ihr Begräbnis stritten die Briten erbittert.

Kommentare zu " Großbritannien: „Heute sind wir alle Thatcheristen“"

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  • „Heute sind wir alle Thatcheristen“

    nö. ich nicht. 10.000.000 aus der staatskasse für die beerdigung. es soll doch immer alles privat sein...

    oxidize in hell!

    do not forget the irish hungerstrikers:

    Bobby Sands MP - 5th May 1981- 66 days
    Francis Hughes - 12th May 1981- 59 days
    Raymond McCreesh - 21st May 1981- 61 days
    Patsy O'Hara - 21st May 1981- 61 days
    Joe McDonnell - 8th July 1981- 61 days
    Martin Hurson - 13th July 1981- 49 days
    Kevin Lynch - 1st August 1981- 71 days
    Kieran Doherty - 2nd August 1981- 73 days
    Thomas McIlwee - 8th August 1981- 62 days
    Mickey Devine - 20th August 1981- 60 days

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