Großbritannien
Labours Lebenswille schwindet

Großbritanniens Premier Brown muss seinen Mitstreitern auf dem Parteitag Mut machen - dabei ist er selbst so schwach wie nie zuvor.

BRIGHTON. Der letzte Labour-Parteitag vor der Unterhauswahl begann mit der Warnung von Schatzkanzler Alistair Darling, die Partei habe "den Willen zum Leben verloren". Dabei ist das Gegenteil nötig. Vermutlich im Mai 2010 wählen die Briten ein neues Parlament. Bis dahin muss Labour-Chef Gordon Brown seine demoralisierte Partei und die infolge steigender Arbeitslosigkeit und der schweren Haushaltskrise desillusionierte Öffentlichkeit hinter sich bringen, interne Parteirivalitäten schlichten sowie den Erfolgskurs der Tories unter dem jungen Parteichef David Cameron stoppen.

Auch der Minister für Wales, Peter Hain, rügte denn auch den Defätismus in der Partei: "Wir benehmen uns, als sei ein Sieg der Tories unvermeidlich". Und genau das glauben viele Parteifreunde. Labour werde ohne einen Führungswechsel "für zehn bis 15 Jahre in die Opposition geschickt", warnte Ex-Innenminister Charles Clarke. Gordon Brown sei es seiner Würde schuldig, freiwillig zurückzutreten. Eine erneute Parteirevolte gegen Mann an der Spitze so kurz vor der Wahl ist unwahrscheinlich. Doch die Spekulationen über einen Rücktritt Browns aus Gesundheitsgründen schießen bereits ins Kraut; auch am Sonntag musste der Premier Spekulationen über eine rapide Verschlechterung seiner Augenkrankheit zurückweisen.

Brown traf praktisch direkt vom G20 Gipfeltreffen in Brighton ein. Nichts liebt er mehr als die Vogelfluglinie zwischen den Gipfeln der Weltpolitik und dem Provinztheater eines Labourparteitags. Vor einem Jahr war Brown direkt vom Labourparteitag zu einem IWF-Treffen nach New York gejettet, wo er Pläne zur Rettung der Weltfinanz vorstellte. "Die nächste Monate werden zeigen, dass wir in der Finanzkrise alle Entscheidungen richtig getroffen haben", sagte Brown am Sonntag und kündigte ein neues Finanzregulierungsgesetz an, bei dem auch Banker-Boni beschnitten werden. Dabei ist Browns Position so schwach wie vor einem Jahr. Während er bei den Gipfeltreffen in New York und Pittsburgh das neue Weltwirtschaftsregime verkündete, für das er seit einem Jahr kämpft; während er mit der Henry Kissinger zum "Weltstaatsmann des Jahres" gekürt wurde und eine G20 Pressekonferenz nutzte, die Wirtschaftskompetenz der britischen Konservativen in Frage zu stellen, sanken seine Ratings zu Hause in den Keller. 54 Prozent der Wähler wünschen laut einer Umfrage seinen Rücktritt. Brown macht zwar Weltpolitik. In Großbritannien fragen die Medien aber, warum die Justizministerin eine illegal eingewanderte Haushälterin beschäftigte und US-Präsident Barack Obama kaum Zeit für den Premier übrig hatte. "Die Amerikaner wissen, dass es wenig Zweck hat, Kapital an einen verlöschenden ausländischen Führer zu verschwenden", schrieb Tony Blairs einstiger Botschafter in Washington, Sir Christopher Meyer.

Seite 1:

Labours Lebenswille schwindet

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%