Grossbritannien
Leiharbeiter-Einsatz facht wilde Streiks an

Aus einem Streit über ausländische Leiharbeiter ist in Großbritannien ein landesweiter Arbeitskampf geworden. Tausende Arbeitnehmer haben aus Solidarität mit den entlassenen britischen Beschäftigten die Arbeit niedergelegt. Der Ölkonzern Total beziffert Schaden bereits auf 100 Millionen Euro.

LONDON. In Großbritannien weitet sich der Streit über die Beschäftigung ausländischer Leiharbeiter zu einem Arbeitskampf aus, der Teile der Industrie lahmlegt. Aus Solidarität mit entlassenen britischen Beschäftigten haben in den vergangenen Tagen tausende Arbeitnehmer zeitweise die Arbeit niedergelegt. Besonders betroffen von den Streiks ist die Raffinerie Lindsey des französischen Ölkonzerns Total in Lincolnshire. Dort steht die Arbeit an einer neuen Entschwefelungsanlage nach der Entlassung von 647 Zeitarbeitern bereits fast zwei Wochen still.

Bereits im Januar war die Raffinerie Auslöser einer von wilden Streiks begleiteten Kontroverse um ausländische Leiharbeiter, mit denen internationale Baufirmen angeblich bestehende Tarifverträge unterlaufen. Die Arbeiter beriefen sich auf den Slogan „Britische Jobs für britische Arbeiter“ aus einer Rede von Premier Gordon Brown. Der Disput wurde durch das Versprechen beigelegt, 102 britische Arbeiter zusätzlich einzustellen.

Doch im Mai flackerten erneut wilde Streiks auf, als die Firma Hertel UK beim Bau eines Gasterminals in Wales 40 polnische Arbeiter einsetzen wollte. Anfang Juni begann die Lindsey-Kontroverse erneut, weil 51 britische Arbeiter nach Abschluss ihres Projekts entlassen wurden, während gleichzeitig ein anderer Subunternehmer ausländische Arbeitskräfte einstellte. Damit wurde nach Auffassung der Briten die Vereinbarung gebrochen, keine Arbeiter zu entlassen, solange es bei anderen Subunternehmen des Lindsey-Projekts offene Stellen gibt.

Nach wilden Solidaritätsstreiks wurden vergangene Woche dann beim Lindsey-Projekt 647 Arbeiter fristlos entlassen und aufgefordert, sich bis Montagabend erneut um ihre Jobs zu bewerben. Stattdessen hatten die Betroffenen aber demonstrativ ihre Entlassungsschreiben auf einem Parkplatz vor der Raffinerie verbrannt. „Wir werden ihnen zeigen, wie viele bereit sind, auf dem Bauch um ihre Jobs zu betteln. Wir gehen gemeinsam in den Streik und kehren gemeinsam an die Arbeit zurück“, rief Streikführer Phil Whitehurst von der Gewerkschaft GMB. Gestern forderten 800 Arbeiter vor der Anlage erneut die unverzügliche Wiedereinstellung aller Entlassenen. An anderen Kraftwerken und Raffinerien traten schätzungsweise 3 000 Arbeiter in Solidaritätsstreiks, unter anderem in der Atomanlage Sellafield und bei der Ölraffinerie Coryton in Essex.

In Lindsey schaltete sich gestern überraschend auch der Ölkonzern Total in die Verhandlungen ein. Bisher hatte er stets darauf verwiesen, die Auswahl der Beschäftigten für den Bau der Entschwefelungsanlage sei Sache der damit beauftragten Subunternehmer. Ziel der Gespräche müsse sein, „das Projekt im vereinbarten Zeit- und Kostenrahmen wieder in Gang zu bringen“, heißt es in einer Presseerklärung des französischen Konzerns. Wegen anhaltender Kontroversen um ausländische Leiharbeiter und mangelnde Produktivität liege das Projekt bereits sechs Monate hinter dem Zeitplan. Die Mehrkosten durch die Verzögerungen bezifferte Total auf 100 Mio. Euro.

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