Großbritannien
Solange der Taxi-Indikator standhält

Die Zentralbank verfällt in Panik, in Großbritannien reden alle von Rezession. Doch der Dienstleistungssektor in London zeigt: Noch klagen viele Briten auf hohem Niveau.

LONDON. "Liebe Mitkonsumenten!" dröhnt der Mann mit den weißblonden Haaren von der Bühne. "Willkommen in diesem Tempel des Mammon!" Wann, wenn nicht zu Beginn einer Rezession, sei die richtige Zeit, Londons größtes Einkaufszentrum zu eröffnen. "Seid ihr dafür?" schreit er von der Bühne - und die Ehrengäste und Käufer am Eröffnungstag lassen ein lautes "Yeah" durch das Atrium des "Westfield London" hallen. Solche Auftritte liebt Londons exzentrischer Bürgermeister Boris Johnson. Geduldig wartet er mit der Schere in der Hand, bis die Kameraleute ihre Bilder im Kasten haben.

Krise, welche Krise? Am Eröffnungstag der neuen Shopping-Mall im wohlhabenden Londoner Westen ist nichts von der Rezessionsangst zu sehen, die die Bürger der Weltstadt an der Themse angeblich von den Läden fernhält. Im Gegenteil: Schon eine halbe Stunde nach Eröffnung der fast 300 Geschäfte und 50 Restaurants und Cafés im Westfield London müssen Verkehrspolizisten die Menschenströme rund um das zwei Milliarden Euro teure Bauwerk regeln. 160 000 Besucher werden es am Ende am ersten Tag gewesen sein.

Ist das das letzte Aufflackern des Kaufrausches, dem sich "Cool Britannia" in der Ära Blair kollektiv hingegeben hat? Noch einmal die Tüten füllen? Die Aussichten sind nicht rosig: Der Internationale Währungsfonds sieht Großbritannien härter von der Rezession getroffen als den Rest Europas. Minus 1,3 Prozent Wachstum für 2009 sagt er voraus. Die Bank of England scheint das ähnlich zu sehen: Eine Leitzinssenkung wie am vergangenen Donnerstag um 1,5 Prozentpunkte auf drei Prozent kann man nur dramatisch nennen. Und die britischen Medien, geübt in knackiger Zuspitzung, gebärden sich schon seit Monaten so, als stünde nun endgültig der Untergang des britischen Imperiums fest.

Doch wie schlimm steht es wirklich um das Land? Was passiert etwa im Dienstleistungssektor, der mehr als zwei Drittel der Wirtschaftsleistung ausmacht?

Ein klassischer Konjunkturindikator sind die Black Cabs, die altmodischen schwarzen Taxis. Brian Rice lässt 2 500 von ihnen durch die Straßen der City fahren. Der gut genährte und noch besser gebräunte 61-Jährige ist Chef von Dial-a-Cab, einer Taxi-Zentrale, die fast vollständig von Firmenkunden mit monatlichen Abrechnungen lebt. Und Firmenkunden, das heißt in London vor allem Finanzbranche. "Wir sind mit allen großen Banken im Geschäft", lächelt Rice in seinem hellen Chefbüro am Nordrand der City zufrieden. Zum blauen Hemd trägt er links eine goldene Uhr und rechts ein goldenes Armband.

Seite 1:

Solange der Taxi-Indikator standhält

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%