Großbritannien
Stabiles Wachstum - trotz Sparkurs

Wieder auf Kurs: Großbritanniens Wirtschaft entwickelt sich trotz aller Probleme weiterhin gut. Der Herbstbericht der Haushaltswächter gibt Schatzkanzler Osborne Rückendeckung und der Arbeitsmarkt entwickelt sich besser als erwartet. Eine Gefahr bleibt jedoch bestehen.
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LONDON. Die britische Wirtschaft erholt sich besser als erwartet. Der befürchtete Rückfall in die Rezession dürfte trotz des radikalen Sparkurses der Regierung ausbleiben. Das prognostiziert das neue Office for Budget Responsibility (OBR), eine Art Haushaltswachhund für die Regierung, in seinem ersten Herbstgutachten.

Das OBR erhöhte seine Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt für das laufende Jahr von 1,2 auf 1,8 Prozent, senkte allerdings die Erwartung für 2011 und 2012 um jeweils 0,2 Prozentpunkte auf 2,1 beziehungsweise 2,6 Prozent. Auf das Wachstum drücken dann sinkende Haushaltseinkommen als Folge von Sparmaßnahmen, Steuererhöhungen, Entlassungen im öffentlichen Dienst und die wachsende Kluft zwischen der relativ hohen Inflation und einer schwachen Lohnentwicklung. Den unerwartet starken Wachstumsschub in der zweiten Jahreshälfte 2010 führt das Amt darauf zurück, dass die Firmen ihre Lager schneller auffüllten als erwartet. Zudem würden Käufe wegen der geplanten Erhöhung der Mehrwertsteuer vorgezogen. Am 1. Januar steigt der Mehrwertsteuersatz auf 20 von derzeit 17,5 Prozent.

Das OBR wurde von der neuen Regierung eingesetzt, um den Staatshaushalt zu entpolitisieren. Dennoch erlaubte der Bericht Schatzkanzler George Osborne einmal mehr, seinen Kurs zu rechtfertigen. Mit entschlossenem Handeln habe die Regierung Großbritannien aus der Gefahrenzone gebracht: "Wir sind auf Kurs. Die Wirtschaft wächst, es werden Arbeitsplätze geschaffen, und das Defizit sinkt".

Die Regierung habe eine Chance von "über 50 Prozent" ihre mittelfristigen Ziele für das Staatsdefizit zu erreichen, sagte OBR-Chef Robert Chote. Osborne will das Defizit von zehn Prozent im laufenden Jahr auf 1,9 Prozent in 2014/15 senken. Der stärkere Wachstumstrend werde den Spielraum des Schatzkanzlers erhöhen.

Vor allem bei den Arbeitsmarktprognosen gab es positive Überraschungen. Im Privatsektor sollen bis 2015 rund 1,5 Millionen neue Jobs geschaffen werden, heißt es in dem Bericht. Von derzeit 7,7 Prozent werde die Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr zunächst auf 8,1 Prozent ansteigen und dann bis 2015 auf 6,1 Prozent sinken.

Irland-Krise bleibt eine Gefahr

Auch die Inflationsgefahr wird in dem Bericht als vergleichsweise gering eingeschätzt, was die Erwartung stützt, dass die Bank von England an ihrem derzeitigen Zinssatz von 0,5 Prozent festhalten kann. Die Verbraucherpreise, die im Oktober um 3,2 Prozent über dem Vorjahr lagen, sollen 2011 auf 2,8 Prozent sinken und ab 2012 wieder das offizielle Inflationsziel von 2,0 Prozent erreichen. Weniger gern werden die Briten hören, dass die Immobilienpreise laut OBR im nächsten Jahr um 3,1 Prozent sinken könnten.

Das OBR fügte jedoch einschränkend an: Nicht berücksichtigt seien mögliche Auswirkungen der Krise in Irland. Irland ist Großbritanniens fünftgrößter Exportmarkt - größer als die vier Bric-Länder Brasilien, Russland, Indien und China zusammen. Auch die 82 Milliarden Pfund an britischen Krediten, die auf dem Spiel stehen, und die Kosten der bilateralen britischen Hilfe für Irland "stellen ein Risiko für unsere Prognosen dar", heißt es in dem Bericht.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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