Großbritannien
Thatcher: Die Eiserne Lady und ihre Söhne

Vor 30 Jahre begann die wirtschaftsliberale Ära von Margaret Thatcher. Und streng genommen endet diese nun erst. Hat die Eiserne Lady einst die Saat für die derzeitige Wirtschaftskrise gestreut? Darüber wird in Großbritannien erbittert debattiert.

LONDON. Als die zierliche Frau im kornblumenblauen Kostüm vor dem Haus Downing Street Nr. 10 aus dem Auto steigt, begrüßt sie ein dissonanter Chor aus Jubelschreiern und Buh-Rufern. Es ist der 4. Mai 1979, und Margaret Thatcher, 53 Jahre alt, hat von der Queen den Auftrag erhalten, als erste Frau den Posten des britischen Premiers zu übernehmen. Die Reaktion der Schaulustigen spiegelt ein gespaltenes Land. Bescheiden lächelnd wendet sie sich, von schwarz uniformierten Polizisten weit überragt, den wartenden Journalisten zu. Sie spricht mit sanft näselnder Stimme von der „größten Ehre, die dem Bürger einer Demokratie zuteil werden kann“ und verspricht, Großbritannien wieder stark zu machen.

So begann heute vor 30 Jahren die Ära von Margaret Thatcher, die so lange im Amt bleiben und das Land so stark verändern sollte wie kaum einer ihrer Vorgänger. Es lässt sich sogar mit einigem Recht argumentieren, dass die Ära bis heute andauert, wie es Simon Jenkins in seinem Buch „Thatcher and Sons“ tut. Die Söhne, das sind Thatchers farb- und glückloser konservativer Nachfolger John Major und die Erfinder von New Labour, Tony Blair und Gordon Brown. Sie alle haben die liberale Wirtschaftspolitik ebenso wie eine zunehmend zentralistische Innenpolitik fortgeführt. Doch nun steckt das Land erneut in einer tiefen Wirtschaftskrise und steuert auf eine politische Wende zu. Zeit für eine neue Revolution?

1979 war nicht zu übersehen, dass ein grundlegender Kurswechsel nötig war. Thatcher übernahm von ihrem Labour-Vorgänger James Callaghan ein gedemütigtes, wirtschaftlich gelähmtes Land. Mächtige Gewerkschaften und ineffiziente Staatskonzerne dominierten die Wirtschaft, und die Staatsfinanzen waren so marode, dass Callaghan 1976 sogar den Internationalen Währungsfonds zu Hilfe rufen musste. Thatcher drückte die Inflation mit Zinserhöhungen, senkte die hohen Einkommensteuersätze, beschnitt die Macht der Gewerkschaften und kürzte die Staatsausgaben – und das mitten in einer Rezession und gegen den Protest von Ökonomen. Der Erfolg gab ihr Recht. Doch er polarisierte auch, weil es viele Jahre dauerte, bis alle vom wachsenden Wohlstand profitierten.

Beflügelt vom Sieg im Falkland-Krieg gegen Argentinien, fuhr Thatcher 1983 einen noch deutlicheren Wahlsieg ein. Danach rang sie in monatelangen, teils gewaltsamen Auseinandersetzungen die mächtige Bergarbeitergewerkschaft nieder und schloss die meisten Kohleminen. Den Rest privatisierte sie, ebenso wie große Teile der staatlichen Industrie- und Infrastrukturfirmen: Stahlhersteller, Werften und Häfen, Öl- und Gasförderer, Strom- und Wasserversorger.

Die Londoner Finanzmeile katapultierte sie mit den Reformen des „Big Bang“ 1986 in die Neuzeit. Börsengänge von Staatskonzernen wie BT und British Airways machten die Briten zu Aktionären und ein groß angelegter Verkauf staatlicher Wohnungen Millionen Mieter zu Immobilienbesitzern. So legte Thatchers Revolution das Fundament für einen fast 15-jährigen Wirtschaftsboom, der nach und nach auch erbitterte Gegner versöhnte.

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