Großbritanniens Schatzkanzler
Warten auf Gordon

Mit kleinen Gesten versucht Gordon Brown, Volksverbundenheit zu demonstrieren. Sie sollen dem spröden Schotten zu etwas mehr Popularität verhelfen. Diese Imagepflege braucht er dringend. Schließlich soll der Labour-Politiker spätestens im Sommer britischer Premierminster werden.
  • 0

DÜSSELDORF. Der Schatzkanzler kam aus dem Untergrund. Auf dem Weg zu einer Konferenz in der Londoner City nahm Gordon Brown die U-Bahn. "Die anderen Passagiere waren erstaunt, aber die meisten reagierten positiv", freut sich ein Mitarbeiter des Ministers. Eine kleine Geste, die Volksverbundenheit demonstrieren und dem spröden Schotten zu etwas mehr Popularität verhelfen soll.

Die Imagepflege braucht Brown dringend. Premierminister Tony Blair, der seiner Labour-Partei insgesamt drei Wahlsiege bescherte, inzwischen aber wegen des Irakkriegs bei vielen Landsleuten verhasst ist, hat versprochen, noch in diesem Jahr seinen Hut zu nehmen. Kommentatoren spekulieren, dass der Premier am 2. Mai sein zehnjähriges Amtsjubiläum feiern will und danach das voraussichtlich schlechte Abschneiden seiner Partei bei den Kommunal- und Regionalwahlen in England, Schottland und Wales am 3. Mai zum Anlass nimmt, seinen Stuhl zu räumen.

Mangels ernsthafter Gegenkandidaten gilt es als ausgemacht, dass Brown Blairs Nachfolger wird. Damit geht ein Versprechen in Erfüllung, das Blair dem Pfarrerssohn aus Glasgow bereits Mitte der Neunzigerjahre gab. Doch ob der Einzug Browns in 10 Downing Street für ihn und seine Partei eine Erfolgsstory wird, ist nicht sicher. Der 56-Jährige ist in der britischen Öffentlichkeit unbeliebt. Obwohl er Großbritannien an der Seite Blairs durch die längste Wachstumsperiode der Nachkriegszeit steuerte, vermochte er die Herzen seiner Landsleute nicht zu erobern. Brown gilt als detailversessener und humorloser Kontrollfreak und Geheimniskrämer, der sich auf einen engen Zirkel von Beratern verlässt.

Bilder, die ihn mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Söhnen zeigen, haben das ebenso wenig ändern können wie sein Engagement für unterprivilegierte Kinder und seine Schuldeninitiative für die ärmsten Staaten Afrikas. Sein Bekenntnis, er höre auf seinem iPod morgens am liebsten Musik der britischen Kultband Arctic Monkeys, nahm ihm keiner ab - weil ihm auf Nachfrage kein einziger Hit der Gruppe einfiel. Viele Briten glauben dagegen, was ein Ex-Mitarbeiter über den Führungsstil seines früheren Chefs ausplauderte: Brown sei "rücksichtslos, ein Stalinist", sagt Andrew Turnbull, der 25 Jahre lang im Finanzministerium arbeitete. Seine Mitmenschen behandele er mit "zynischer Verachtung".

Im Gegensatz dazu gelingt es den oppositionellen Tories unter Führung des neuen Parteichefs David Cameron, ihr öffentliches Ansehen wieder aufzupolieren. Die Konservativen liegen seit rund einem Jahr in den Meinungsumfragen vorne und bauen den Vorsprung sogar aus: Derzeit liegen die Konservativen um 8 bis 15 Prozentpunkte vor Labour. Unter dem 40-jährigen Cameron sind die Tories zum ersten Mal seit 1997 wieder zu einem ernsthaften Gegner für Labour geworden. Einem Premierminister Brown könnte der charmante Konservative bei der nächsten Wahl, die spätestens im Mai 2010 stattfinden muss, eine schwere Niederlage bereiten. Cameron präsentiert sich als Konservativer einer neuen Generation, der seine Partei aus dem übermächtigen Schatten Margaret Thatchers herausführt. Er profiliert sich mit Themen wie Umweltschutz und Gesundheitspolitik, und dass sein Wirtschaftsprofil noch schwammig ist, hat ihm bisher nicht geschadet.

Umfragen zeigen, dass der relativ unerfahrene Tory-Chef bei den Briten besser ankommt als der designierte Premier Brown. Nur 34 Prozent der Briten bevorzugten eine Labour-Regierung unter Brown, 44 Prozent wollen nach Blairs Rücktritt lieber von einem Premier Cameron regiert werden.

Seite 1:

Warten auf Gordon

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Kommentare zu " Großbritanniens Schatzkanzler: Warten auf Gordon"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%