Große Demonstrationen im Nachbarland Hartz IV auf holländisch

250 000 Niederländer protestieren am Samstag gegen die Reformpolitik der Regierung. Das einstige Modellland steckt in der Krise – ein Demonstrationsbesuch mit einem Philips-Ingenieur. Eine Handelsblatt-Reportage.
  • Sylvia Schreiber (Handelsblatt)

HB AMSTERDAM. Ton Gremmen kommt selten zu spät im Leben. Als er bei Philips in Eindhoven seine Stelle bekam, heiratete er kurz darauf. Dann kamen die Kinder, danach das Häuschen. Es geht den Gremmens nicht schlecht mit den rund 50



000 Euro Gehalt, das er als Softwareingenieur im Jahr nach Hause bringt. „Breitspurig“, sagt er allerdings, könne man davon nicht leben.

Ton Gremmen ist ein Mittvierziger mit lichtem, schwarzem Haar. Er trägt Jeans, ein beiges Sweatshirt und einen Rucksack. Er ist ein schmächtiger Mann mit Nickelbrille. Er hat präzise Vorstellungen von Gerechtigkeit und Werten; ein Katholik aus kleinen Verhältnissen. Ihn treibt um, was seine Christdemokraten in Den Haag da mit der Sozialpolitik anstellen. Die Pläne gegen Ältere und Arbeitslose wurmen ihn, denn „der Zusammenhalt geht den Bach hinunter“, sagt der Philips- Werker. Mit den anderen hat er sich schon früh um acht in die Bahnhofshalle in Eindhoven gestellt. Es ist Samstag, und aus allen Landesteilen fahren sie heute nach Amsterdam.

Demozeit. Diesmal geht es um mehr als um ein paar Lohnprozente. Es geht um einen Klimawandel im Land, den die Regierung mit ihren Sparpaketen eingeleitet hat. Ein Kälteeinbruch, sagen die Gewerkschaften, die dem Kabinett vorwerfen, dass es den Arbeitnehmern nicht mehr zuhöre. Wenn dann noch einer wie Ton Gremmen aus Maasbree nahe Venlo im Demonstrationszug mitläuft, will das schon etwas heißen. Nie zuvor war der Südholländer auf einer Demonstration gewesen. Seine Frau hat ihm zwei Butterbrote eingepackt und selbst gebackene Waffeln in Alufolie.

Es gärt schon länger im Nachbarland, seit Mitte 2001 die Wachstumsraten eingebrochen sind. Es gab Rekordpleiten, und jeden Monat kamen etwa 10 000 Arbeitslose dazu. Die Regierung musste seit 2002 rund 19 Milliarden Euro einsparen: Sozial- und Kulturetats wurden zusammengestrichen. Die Niederländer sollten länger arbeiten für das gleiche Geld, hat Königin Beatrix vor ein paar Wochen bei ihrer Thronrede angekündigt. Und die Gewerkschaften hätten sogar über eine Nullrunde mit sich reden lassen – wenn, ja wenn man ihre Vorschläge zu den Strukturreformen bei den Sozialversicherungen wenigstens einmal angehört hätte. „Aber die haben unsere Reports in den Papierkorb geschmissen“, klagt Paulus Plas von der linken FNV-Gewerkschaft.

Am Bahnhof in Amsterdam hat sich Ton Gremmen noch schnell mit einem lilafarbenen Schal am Stand der eigenen Gewerkschaftsfreunde eingedeckt. Es ist noch Zeit, deshalb kehrt er auf ein „kopje coffie“ in eines der Straßencafés am Dam ein. Die Luft ist frisch an diesem Morgen, der Himmel blau. „Ja, das hätte dem Kabinett so gepasst, wenn es heute geregnet hätte“, freut er sich.

Auf dem geschäftigen Platz im Zentrum der Hauptstadt erblickt er gegenüber das Gebäude mit dem berühmten Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud. Mit der Familie war er da schon zu Besuch. Und sofort kommen natürlich die Erinnerungen, was ein solcher Tag in der Hauptstadt kostet. Hundert Euro ist man los. Nein, es gehe ihm persönlich wirklich nicht schlecht, solange er seine Arbeit habe, betont Gremmen. Sein Thema sei der gesellschaftliche Zusammenhalt, den er in Gefahr sieht. „Man lebt besser, wenn man weiß, dass die kleinen Leute auch ihren sozialen Schutz haben“, räsoniert der Katholik.

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