Großfahndung nach „Verschwörern“

Türkei nimmt deutsche Staatsbürgerin fest

Seit gut drei Wochen rollt in der Türkei eine Verhaftungswelle, um Putschisten und angebliche Unterstützer aufzuspüren. Auch eine Deutsche sitzt hinter Gittern – und darf keinen Kontakt zur deutschen Botschaft aufnehmen.
Zu den Opfern der derzeitigen Verhaftungswellen in der Türkei gehört auch eine Deutsche. Quelle: dpa
Türkei

Zu den Opfern der derzeitigen Verhaftungswellen in der Türkei gehört auch eine Deutsche.

(Foto: dpa)

BerlinTürkische Sicherheitsbehörden haben bei der Fahndung nach mutmaßlichen Putschisten und Verschwörern laut Medienbericht erstmals auch eine deutsche Staatsbürgerin festgenommen. Der Fall sei dem Auswärtigen Amt bekannt, sagte ein Sprecher am Freitag auf Anfrage in Berlin. Er bestätigte damit Informationen von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“ aus Regierungskreisen. Grund für die Festnahme sei der Verdacht auf Zugehörigkeit zur Bewegung des Predigers Fetullah Gülen, den die türkische Regierung hinter dem Mitte Juli gescheiterten Umsturzversuch vermutet.

Die deutsche Botschaft in Ankara bemüht sich dem Bericht zufolge seit Tagen vergeblich um Kontakt zu der Frau. Bei ihr sollen Bücher gefunden worden seien, die auf Kontakte zur Gülen-Bewegung oder eine Mitgliedschaft hinwiesen. Weiter hieß es demnach aus dem Ministerium, dass man darauf dränge, die Deutsche schnell konsularisch betreuen zu können.

Laut NDR, WDR und „SZ“ war zunächst unklar, warum sich die Frau in der Türkei aufhielt und ob sie dort lebt. Ebenso wenig sei bekannt, ob sie neben der deutschen auch die türkische Staatsangehörigkeit besitzt. Die Frau ist dem Bericht zufolge die erste deutsche Staatsbürgerin, die von der Verhaftungswelle betroffen ist.

Das ist Erdogans Erzfeind
Fethullah Gülen, einflussreicher Prediger
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Fethullah Gülen (75) gilt als einflussreichster islamischer Prediger der Türkei. Seine Anhänger haben ein Netzwerk gegründet, das in vielen Ländern aktiv ist – auch in Deutschland. Gülen lebt seit 1999 zurückgezogen in Saylorsburg im US-Bundesstaat Pennsylvania – auf einem zehn Hektar großen Landsitz.

Gülen steckt hinter einem Netzwerk von Bildungseinrichtungen und Stiftungen
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Der heute 74-jährige Gülen ging 1999 in die USA, um sich einem in der Türkei drohenden Strafverfahren wegen islamistischer Umtriebe zu entziehen. Aus seinem Exil steuert der Prediger ein globales Netzwerk von Bildungseinrichtungen, Wohltätigkeitsorganisationen und Stiftungen. In seinen Predigten tritt der Geistliche für einen Dialog der Religionen und der Kulturen ein. In der Türkei hat er Millionen Anhänger.

Was die Zielen der Gülen-Bewegung sind
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Ziel der Gülen-Bewegung ist es, Muslime über Bildungseinrichtungen, Medien und Vereinsarbeit für eine fromme Lebensweise zu gewinnen. Angestrebt werden Bildung und beruflicher Erfolg. Auch deshalb sind viele „Fethullahci“ in der Türkei in Schlüsselpositionen aufgestiegen.

Gülen war früher ein wichtiger Mitstreiter von Erdogan
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Gülen war früher ein wichtiger Mitstreiter des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan: Als dessen islamisch-konservativen AKP Anfang der 2000er Jahre die Wahlen gewann, sollte Gülen ihm helfen, die kemalistischen Eliten in der öffentlichen Verwaltung, im Bildungssystem und in der Justiz durch gläubige Muslime zu ersetzen. So kamen „Gülenisten“ an wichtige Schaltstellen des Staatsapparates.

Erdogan und Gülen hatten ähnliche Ziele
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Erdogan und Gülen hatten bis vor einigen Jahren ähnliche Ziele: die politische Macht des Militärs zurückdrängen und den frommen Anatoliern zum Aufstieg verhelfen.

Später gingen die Männer auf Distanz
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Seit Ende der 2000er Jahre gingen die beiden Männer zunehmend auf Distanz. Gülen kritisierte Erdogans Konfrontationskurs gegenüber Israel. Auch Erdogans Unterstützung für die radikal-islamische Hamas, die ägyptischen Moslembrüder und die Dschihadisten in Syrien stießen bei Gülen auf Missbilligung.

Erdogan entfernte Gülen-Anhänger aus dem Staatsdienst
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Tausende Anhänger Gülens ließ Erdogan bereits seit Ende 2013 aus dem Staatsdienst und der Justiz entfernen, die Gülen-Bewegung wurde zur „Terrororganisation“ erklärt. Mehrere Gülen nahestehende Medienunternehmen, darunter die größte türkische Tageszeitung „Zaman“, und eine Bank wurden in den vergangenen Monaten unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt.

Von den Verhaftungen waren bislang vor allem Staatsbedienstete betroffen. Nach Regierungsangaben wurden seit dem Putschversuch zudem fast 59.000 von ihnen suspendiert.

Insgesamt wurden etwa 26.000 Menschen festgenommen, gegen 13.000 Verdächtige erging Haftbefehl. Die Reisepässe von fast 75.000 Personen wurden für ungültig erklärt, um die Flucht ins Ausland zu verhindern.

  • dpa
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