Gruppierungen
Palästinenser: Unter Brüdern

Die Palästinenser sind ein zerrissenes Volk - der Krieg mit Israel im Gazastreifen hat den Hass zwischen Hamas und Fatah noch verstärkt. In der Westbank, der Hochburg von Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas, ist das besonders gut zu beobachten.

NABLUS. Vor wenigen Stunden noch brannte sein Audi. Doch der Mann ist die Ruhe selbst. "Das ist für mich bereits Routine", sagt er mit einer Nonchalance, als handele es sich um die trivialste Sache der Welt. Als sei ihm nicht in kurzer Zeit zum vierten Mal das Auto in der Garage angezündet worden.

Er hatte damit gerechnet, jetzt vermutet er, dass auch die Neuanschaffung eine kurze Lebenserwartung haben wird. Die Täter hätten politische Interessen, sie wollten ihn einschüchtern, erzählt er - und man habe ihn gewarnt. Wenige Tage vor dem Anschlag habe ihn der Geheimdienstchef angerufen und ihm unmissverständlich klargemacht: Über die Palästinensische Autonomiebehörde lästert man besser nicht.

Der Mann heißt Sattar Kassem, ist Politologe in Nablus, und er erfährt zurzeit, was auch vielen anderen passiert, die Sympathien für die Hamas in der von der Fatah geführten Westbank zeigen - vor allem jetzt, kurz nach dem Krieg mit Israel im Gazastreifen: Sie lernen den Preis kennen, den man hier für die freie Meinungsäußerung zahlt. Sein Fall offenbart zugleich: Die Palästinenser sind ein zerrissenes Volk. Entweder man ist für die jeweilige Gruppierung. Oder man ist ihr Feind.

Kassem ist eine elegante Erscheinung: schick gekleidet, dunkler Teint, pechschwarze, tief liegende Augen. Die können wild funkeln, wenn er seine vernichtende Meinung über den Palästinenserpräsidenten Mahmoud Abbas kundtut. Er macht aus seiner Geringschätzung für Abbas keinen Hehl, ebenso wenig bemüht sich der 60-Jährige, seine Sympathien für die Hamas zu verbergen.

In seinen Vorlesungen an der An-Najah-National-Universität von Nablus, in Vorträgen und in Interviews mit arabischen Sendern lobt er die Radikalislamisten und ihre engen Beziehungen zu Iran. Das macht ihn zum derzeit populärsten Intellektuellen in der Westbank. Auf arabischen Sendern ist er ein gefragter Interviewpartner. Deshalb betrachtet ihn Abbas als Gefahr.

Und nicht nur ihn.

Die Toleranz der palästinensischen Polizei für Regimefeinde ist mittlerweile nahe null. Die Sicherheitskräfte von Abbas greifen jeden auf, der im Verdacht steht, die Hamas zu unterstützen. Und sie machen Jagd auf diejenigen, die Terrorattentate gegen Israel vorbereiten. Allein in den vergangenen drei Wochen wurden in der Westbank mindestens 135 Hamas-Anhänger festgenommen - Journalisten, Professoren, Studenten und Prediger. In einigen Fällen wurden sie zunächst von der israelischen Armee arretiert, um dann nach der Freilassung von den palästinensischen Sicherheitskräften ins Gefängnis gesteckt zu werden.

Journalisten erhalten von der Palästinenserregierung den Rat, die Verhaftungswelle totzuschweigen. Als ein Reporter trotzdem über den Brandanschlag auf Kassems Wagen berichtete, wurde er kurzerhand verhaftet.

Auch Kassem wurde mehrere Male festgenommen, musste seine luxuriöse Bleibe für einige Monate mit dem Gefängnis tauschen. Der Vorwurf: Er propagiere die arabische Einheit unter dem Banner des Islams.

Völlig unverständlich sind solche Aktionen allerdings nicht. Nablus war vor einigen Jahren berüchtigt für chaotische Verhältnisse und Gewalt. Jetzt sind die bewaffneten Gangs, die Angst und Schrecken verbreiteten, aus dem Straßenbild verschwunden. Palästinensische Polizeikräfte, die von den USA in Jordanien und von der EU in Jericho ausgebildet wurden, haben die Kontrolle in den Städten der Westbank übernommen. Sie sollen verhindern, dass die radikalislamische Hamas - wie vor zwei Jahren im Gazastreifen - auch in der Westbank gegen die Fatah putscht.

Der Aufbau der palästinensischen Truppen ist Teil eines westlichen Plans, die Prosperität in der Westbank zu verbessern und dem Friedensprozess eine Chance zu geben. Und in der Tat ist neben Sicherheit und Ordnung auch ein kleiner Wirtschaftsaufschwung zu registrieren.

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