„Günther Jauch“ zu Russland
„Ermordete Putin-Freunde haben wir keine gefunden“

Günther Jauch diskutierte ein weiteres Mal über Russland und Putin – dieses Mal mit der Tochter des ermordeten Oppositionspolitikers Boris Nemzow. Die Sendung war alles andere als befriedigend – was nicht verwunderte.
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Berlin„Das Putin-Interview – wohin steuert der Kreml-Chef?“, „Putins Machthunger – Wie weit wird Moskau gehen?“, und so weiter: Solche Talkshows gab es in großer Zahl im deutschen Fernsehen. „Wie gefährlich ist Opposition gegen Putin?“ lautete aus Anlass des Mordes am Politiker Boris Nemzow am vergangenen Mittwoch erst Anne Wills Thema. Am Sonntagabend legte Günther Jauch mit Zhanna Nemzowa, einer Tochter des Ermordeten, unter dem Titel „Putins Russland – Auf dem Weg zur Diktatur“ nach.

Es war eine manchmal fast quälende, aber produktiv quälende Sendung, in der unterschiedliche Meinungen unversöhnbar aufeinander trafen. Das ließ die Stimmungslagen in Russland und unter Russen eindrucksvoll deutlich werden. „Wir dürfen uns der Mühe einer Differenzierung auch in schwierigen Zeiten nicht verweigern“, forderte Matthias Platzeck, als Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums einer der sachlicheren „Putin-Versteher“. Diese Mühe leistete die Sendung – und bereitete sie ihrem Publikum.

Zu Nemzowas Fernsehauftritt wurde auf Twitter der Vorwurf diskutiert, sie „anderthalb Wochen nach dem Mord für die Quote vor die Kamera zu zerren“. Doch die junge Frau, die seit kurzem in Deutschland ist und Mitte März nach Russland zurückzukehren plant, zeigte sich im Einzelinterview trauernd und in begreiflicher Anspannung, dabei aber souverän.

„Es gibt bereits eine Diktatur in Russland“, antwortete sie auf Jauchs Titel-Frage. Bevor sie sich ins Publikum setzte, einige weitere Male aber gefragt wurde, sagte sie noch, dass „die komplette russische Medienlandschaft“ gegen ihren Vater gewesen sei.

Das war brisant, weil mit Vladimir Kondratiev, dem Ex-Deutschlandkorrespondenten des Senders NTW, ein russischer Fernsehjournalist in Jauchs Runde saß. „Die staatlichen Fernsehkanäle terrorisieren unsere Bevölkerung“, ergänzte Nemzowa später. Sie sollten in die Sanktionsliste der EU und der USA aufgenommen werden, habe ihr Vater gefordert. Inwieweit sich das auf Kondratiev bezog, blieb unklar – NTW gehört zum Gazprom-Konzern.

Kondratiev referierte in Russland kursierende Thesen, wonach Nemzow von Ukrainern ermordet worden sein könnte, die einen „Märtyrer schaffen“ wollten, oder von Islamisten wegen Äußerungen, die er über Karikaturen der französischen Zeitschrift „Charlie Hebdo“ gemacht haben soll. In diese Richtung würden die aktuellen Verhaftungen deuten.

Dagegen nannte Ina Ruck, bis 2014 Leiterin des ARD-Studios in Moskau, den Mord-Tatort „die Hochsicherheitszone des Landes“: „Wenn man dort eine Fernsehkamera hinstellt, ist in 20 Sekunden ein Sicherheitsmann da.“ Insofern müssen die Behörden nach dem Mord entweder versagt oder aber ihn gebilligt haben. „Das wäre mir zu skurril“, entgegnete der SPD-Politiker Platzeck. Gerade, „wenn jemand aus dem Machtapparat“ hinter dem Mord steckte, „hätte man ihn nicht an der Kremlmauer durchgeführt“.

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  • Wer ist Nemzow? Nemzow ist ein radikaler Privatisierer aus Jelzins Zeiten, Milliardär und ehemaliger Freund des Verbrechers Chodorkowski. Chodorkowski hatte versucht, zwei große russische Energiekonzerne zu fusionieren und dann an US-ameriknische Konzerne über die Börse zu verkaufen. Dafür erhielt er Schmiergelder. Ferner finanzierte dieser Chodorowski den Wahlkampf für Nemzow. Damit sind wir kurz im Bilde, um welchen Kämpfer für Freiheit und Demokratie es hier geht. So, und da Putin mal beim KGB war, da ist ihm ja alles zuzutrauen. Bush war zwar mal Chef der CIA, aber das interessiert ja keinen. Auch ein paar Folterlager und Drohnenmorde interessieren keinen sowie die Überfälle und die Kriege in Ex-Jugoslawien, Afghanistan und im Irak. Ein paar Millionen Tote. Das sind nur einige Beispiele für die Werte, für willfährigen Journalisten aus den think tanks werben.

  • Putin ehrt Kadyrow und Lugowoi mit Orden
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    Russlands Präsident Putin hat zwei umstrittene Männer ausgezeichnet: Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow und den Hauptverdächtigen im Mordfall Litwinenko, Andrej Lugowoi.

    Einen hohen Orden hat der russische Präsident Wladimir Putin dem tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow zuerkannt, wie der Kreml mitteilte. Die Auszeichnung wird nach Äußerungen Kadyrows zum Attentat auf den russischen Regierungskritiker Boris Nemzow kritisch gesehen.

    Kadyrow hatte einen aus Tschetschenien stammenden Verdächtigen im Mordfall Nemzow als "tief religiösen Mann" gelobt. Einen weiteren Verdächtigen, der sich offenbar in Tschetschenien selbst in die Luft gesprengt hatte, bezeichnete Kadyrow als "mutigen Krieger". Insgesamt sitzen inzwischen fünf Verdächtige aus Tschetschenien wegen des Mordes an Nemzow in Haft.

    Dass die Ehrung nur gut eine Woche nach der Ermordung Nemzows erfolgte, wertete Putins Sprecher Dmitri Peskow als Zufall und begründet, derartige Auszeichnungen hätten einen mehrmonatigen Vorlauf.

    Quelle: Zeit
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-03/russland-putin-kadyrow-nemzow

  • "Doch eine brisante, aufschlussreiche Sendung ist Jauch gelungen. Die Mühe der Differenzierung hat sie geleistet, (...)"
    Mehr kann man ja eigentlich auch von einer guten Diskussion nicht erwarten.
    Nämlich dass sie den Zuschauer aus erster Hand, LIVE und von allgemein als verlässlich und kompetent anerkannten Gästen mit unbequemen Fakten konfrontiert, ohne dabei irgendjemanden in seiner evtl. vorgefassten Meinung zu bestätigen (bzw. zu "befriedigen").
    Zu Ergebnissen kann man ohnehin erst dann kommen, wenn möglichst jeder - gerade auch mithilfe solch hilfreicher Diskussionen - Gelegenheit hatte (und sie auch genutzt hat), sich ein auf soliden Erkenntnissen und Informationen beruhendes eigenes Bild der Lage zu machen.

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