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22.11.2007 
Studienplätze in Russland

Gute Bildung muss erkauft werden

von Thomas Wiede

Die vielfältigen Probleme beginnen – wie so oft in Russland – mit der Korruption. Um einen Platz an einer bekannten Universität zu bekommen, war es jahrelang üblich, dass der angehende Student bis zu vierstellige Dollar-Summen zahlen musste. Dem „Schmieren“ für gute Noten und Studienplätze hat die Regierung nun versucht ein Ende zu setzen – mit mäßigem Erfolg.

Junge Russen bei einer Aufnahmeprüfung der Lomonossow-Universität. Neben Wissen ist dabei oft Geld im Spiel.

Junge Russen bei einer Aufnahmeprüfung der Lomonossow-Universität. Neben Wissen ist dabei oft Geld im Spiel.

MOSKAU. Sergej Guriew ist stolz auf sein kleines Büro: Im zugigen 17. Stockwerk eines in den siebziger Jahren errichteten Hochhauses gelegen, passen gerade einmal sein Tisch, ein voll gestopftes Regal und ein kleiner Tisch für Gäste in das Zimmer. Der Rektor der New Economic School in Moskau hält viel auf seine bescheidenen Räumlichkeiten: „An einer staatlichen Universität residieren viele Rektoren noch sowjetisch“, erzählt er und meint damit „großzügiger“.

Guriew ist Chef einer der angesehensten privaten Wirtschaftsunis im Land, das Thema Bildung treibt ihn aber auch als Mitglied im Expertenrat für die so genannten „nationalen Projekte“ um. Zwei Mrd. Dollar hat der Staat immerhin für ein Programm zur Verfügung gestellt, dass das Bildungswesen verbessern soll. „Unsere Universitäten können international einfach nicht mithalten“, sagt Guriews, der seine eigenen beiden Kinder derzeit im Ausland studieren lassen würde.

Tatsächlich schafft es selbst die ehemalige Renommier-Uni der Sowjetunion, die Lomonossow-Universität in Moskau (MGU), in einigen Rankings gerade einmal unter die Top 100 in der Welt. Ausländische Investoren und russische Unternehmer monieren zunehmend den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.

Die Gehälter – vor allem in Moskau – haben inzwischen ein Niveau erreicht, das vor allem in der Finanzszene an das von London und New York heranreicht. Die hohen Personalkosten bei stagnierender Produktivität drohen dem Standort Russland zu schaden. Viele russische Konzerne haben daher ihre eigenen Universitäten aufgemacht, wie der Stahlkonzern Severstal. Auch Ruben Wardanian, der Chef der Investmentbank Troika Dialog macht aus der Not eine Tugend und baut derzeit eine MBA-Schule auf, die international mithalten soll. „Es ist eine Illusion, wenn Leute sagen, dass Russlands Potenzial in seinen gut ausgebildeten Menschen liegt“, erklärt er.

Dabei gewinnt das Thema Bildung vor allem in den Augen der Heranwachsenden zunehmend an Bedeutung: Umfragen zeigen, dass sie nicht mehr nur in guten persönlichen Beziehungen eine Chance zum Aufstieg sehen, sondern in der Ausbildung ihrer Fähigkeiten. Knapp 20 Prozent der Befragten 18 bis 34jährigen in einer Studie der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung sehen Investitionen in die Bildung als die wichtigste Priorität des Staates. Unter den 35 bis 49jährigen sind es sogar knapp ein Drittel. Nach wie vor gibt Russland nur einen geringen Teil seines Bruttoinlandsproduktes für Bildung aus. Dabei hat Russland pro Kopf mehr Studierende als die USA und die Zahl der Universitäten hat sich seit den neunziger Jahren sogar verdoppelt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Dass sich etwas ändern muss ist Konsens unter Fachleuten

Die vielfältigen Probleme beginnen mit der Korruption. Um einen Platz an einer bekannten Universität zu bekommen, war es jahrelang üblich, dass der angehende Student vor der Aufnahmeprüfung ein „Tutorium“ bei einem der Professoren des Fachbereichs seiner Wahl belegt – wofür bis zu vierstellige Dollar-Summen fällig wurden. Die Gehälter an den Universitäten sind – bis heute – knapp bemessen. Während Top-Akademiker in der Sowjetunion zu den Privilegierten gehörten, darf sich ein Professor heute mit einem Gehalt von 1 000 Dollar glücklich schätzen.

Junge Lehrer bringen es gerade einmal auf rund 400 Dollar. Der Staat versucht zwar junge Leute mit Prämien zu ködern, damit sie mindestens drei Jahre nach dem Ende ihrer Ausbildung auch noch in ihrem Beruf arbeiten. Doch dann suchen viele ihr Heil in der Privatwirtschaft.

Um dem „Schmieren“ für gute Noten und Studienplätze ein Ende zu setzen und die Leistungen der Schüler vergleichbarer zu machen, hat die Regierung ein zentrales Abitur eingeführt, das auch als Aufnahmetest für die Unis gilt. Doch gerade die renommierteren Hochschulen suchen sich ihre Studenten weiter selbst aus. Grundsätzlich sei das Zentralabitur ein wichtiger Schritt, meint Guriew. Ein Ende der Korruption bedeutet dies aber noch lange nicht: Eltern versuchen beispielsweise über die Immatrikulation ihre Söhne vor dem äußerst brutalen Militärdienst zu bewahren. Viele Institute helfen gerne, für einen angemessenen Preis.

Dass sich im Bildungswesen etwas ändern muss, ist unter den meisten Fachleuten Konsens, über den Weg und auch über das Ziel wird gerungen. Während die Regierung versucht, sich am amerikanischen Hochschul-System zu orientieren und Wettbewerb der Unis um Mittel und Talente durchsetzen will, sehnen sich so manche Gelehrte wieder das sowjetische System herbei, das ihnen viel Geld und Privilegien gesichert hat. „Eine Diskussion um die Qualität der Lehre findet nicht statt“, sagt ein westlicher Diplomat.

Immerhin plant Russland nun den Bachelor und Master einzuführen, um seinen Uni-Absolventen zumindest vergleichbare Abschlüsse wie in der EU und in den USA zu ermöglichen. Aber das ist noch Theorie.

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