H5N1-Alarm in der Türkei
Zwischen „alles unter Kontrolle“ und Panik

Eine Nachricht schlug am Donnerstag wie eine Bombe ein: Das Putensterben in der kleinen Ortschaft Kiziksa wurde von dem auch für Menschen gefährlichen Vogelgrippe-Virus H5N1 ausgelöst. Dabei ist die Türkei nicht ganz unvorbereitet für diesen Ernstfall.

HB ISTANBUL. Erst vor einem Monat hatten die Behörden in dem südlich des Marmara-Meeres gelegenen, kaum 100 Kilometer Luftlinie von Istanbul entfernten Gebiet den Notfall geübt. Die Region, in der Geflügelzuchtbetriebe in den vergangenen Jahre nur so aus dem Boden geschossen sind, ist für die Türkei ein wichtiger Versorger. Die Geflügelexporte des Landes sind dagegen mit 4000 Tonnen pro Jahr kaum von Bedeutung.

Das große Dilemma der Türkei ist, dass gleich drei Routen von Zugvögeln über Kleinasien nach Afrika führen. Unter besonderer Beobachtung stehen deshalb auch die zwar immer kleiner werdenden, aber immer noch zahlreichen Feuchtflächen, die den Vögeln auf ihrer Durchreise als Ruheplatz dienen. „Diese Kontrollen gehen weiter“, so am Donnerstag das Ministerium. „Noch zwei bis drei Monate, bis die Zeit der Zugvögel vorbei ist.“

„Wir haben uns auf das schlimmste Szenario eingestellt“, verlautete am Donnerstag aus dem Agrarministerium in Ankara. Dass der gefährliche Virustypus H5N1 jetzt vom EU-Labor nachgewiesen wurde, zeige, dass in Kiziksa die richtigen Maßnahmen ergriffen worden seien. Kiziksa liegt an einem Vogelschutzgebiet.

Nicht zuletzt dank der beschriebenen Notfallübung liefen die Maßnahmen zur Seuchenabwehr in Kiziksa seit dem Vogelgrippe-Verdacht in den vergangenen Tagen fast wie am Schnürchen. Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums - mit Mundschutz und in weißen Schutzanzügen - vernichteten die noch lebenden Putenbestände und gingen dann von Haus zu Haus, um Hühner, Enten und Gänse einzusammeln. Einzeln wurden die Vögel, insgesamt rund 5000 Tiere, in einen Blechkasten gesteckt, mit Kohlendioxid getötet und in gekalkten Gruben vergraben. Ställe werden desinfiziert, ebenso alle Fahrzeuge, die in das im Umkreis von drei Kilometern unter Quarantäne gestellte Gebiet hinein- oder hinausfahren.

Nur die Dorfbewohner schienen sich des Ernstes der Lage nicht immer bewusst zu sein. Mit bloßen Händen übergaben Kinder den von Kopf bis Fuß geschützten Seuchenbekämpfungsteams Hühner und anderes Federvieh. Noch am Mittwoch ging das Foto einer Bäuerin durch die Zeitungen, die behaglich eine Gans rupft. „Die Federn kommen ins Bett, die Gans in den Topf“, lautete ihr Kommentar. Wie diese Frau zog es manch anderer in Kiziksa vor, die „doch so gesund aussehenden“ Hühner und Enten noch schnell in den Kochtopf zu stecken, statt auf die vom Staat versprochene Entschädigung zu warten. In anderen Orten der Türkei reichten dagegen ein paar tote Tauben oder Hühner, um den schlimmsten Verdacht auf sich zu ziehen und fast panische Reaktionen auszulösen, auch wenn deren Todesursache nach ersten Untersuchungen nichts mit Vogelgrippe zu tun hatte.

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