Haiti
Unternehmertum in den Trümmern

In 30 Sekunden hat das Erdbeben in Haiti rund 60 Prozent der haitanischen Wirtschaft dem Erdboden gleichgemacht. Der Staat ist kollabiert, der Wiederaufbau kommt nur langsam in Gang. Und doch könnte die Tragödie eine Chance für das gepeinigte Land sein.
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PORT-AU-PRINCE. Der 12. Januar und das, was folgte, haben sich tief in das kantige Gesicht von Charles Baker eingegraben. Er empfängt Besucher auf einer Mauer sitzend unter einem Baum, im Rücken die Fabrikhallen seines Unternehmens P.B. Apparel S.A. Sein Büro betritt er seit dem Erdbeben nicht mehr. Einsturzgefahr. "Das hier ist mein provisorisches Office", sagt er - und ein Lächeln kehrt in sein Gesicht zurück. Dieses eine Mal.

Bakers Unternehmen ist eines der größten in der haitianischen Volkswirtschaft. In seiner Fabrik im Industriegebiet von Port-au-Prince nähten 750 Arbeiterinnen und Arbeiter Kittel, Uniformen und Westen für Ärzte, Feuerwehrleute und Bauarbeiter. Seine Kunden sitzen in den USA, ein paar auch in Kanada.

60 Prozent der Wirtschaft zerstört

Textilverarbeitung und ein bisschen Landwirtschaft sind die Exportzweige des Karibikstaates. Mehr gibt es nicht, sagt Baker: "Unser Hauptexportprodukt sind Menschen." Zwei Millionen Haitianer leben in den USA, Kanada und Frankreich. Und das Geld, das sie überweisen, war schon vor dem Beben wichtige Hilfe - 1,5 Mrd. Dollar pro Jahr.

In den riesigen Hallen von Bakers Unternehmen ist die Zeit stehen geblieben. 12. Januar, 16.53 Uhr. Als die Erde bebte, hatten Bakers Näherinnen seit 23 Minuten Feierabend und waren auf dem Heimweg in die Slums von Cité Soleil und Cité Militaire. Ein paar Stühle und Ventilatoren kippten um, in einer Halle zog die Wucht der Natur Risse in die Wand, das war es. Und doch hat das Beben alles stillgelegt.

Der 55-Jährige wandelt durch die leeren Hallen, unter dem Wellblechdach drückt schwer die Hitze. Baker geht vorbei an alten Pfaff-Nähmaschinen, faltet eine Hose, hebt einen umgefallenen Hocker auf. Auf den Arbeitsplätzen stapelt sich der Stoff; weiß, gelb, blau. In Kartons liegen weiße Kittel in transparenter Plastikfolie - "Made in Haiti". Seit dem Beben ist kein Stück Stoff mit diesem Herkunftssiegel mehr gefertigt worden. In 30 Sekunden hat das Beben 60 Prozent der haitianischen Wirtschaft zerstört. Doch bei P.B. Apparel S.A. soll es bald wieder losgehen. Zu 600 seiner 750 Arbeiter hat Baker inzwischen wieder Kontakt. "Die anderen sind wohl nicht mehr unter uns", sagt der Unternehmer. "Aber wir müssen das hier trotzdem wieder in Gang bringen", sagt der Fabrikant - seinen Laden genauso wie sein Land: "Wir sind im Kampfzustand."

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