Hamburgs Wissenschaftler streiten über Ehrendoktor für Russlands Präsidenten
Keine Kulisse für Putin

Zuerst fand der Streit nur auf den Lokalseiten der Hamburger Presse statt: Vor allem im „Hamburger Abendblatt“ bekämpften sich die Geister, die sich an der Person von Wladimir Putin scheiden. Denn der russische Präsident soll Ehrendoktor der Hamburger Universität werden. Nun het der Streit das Zeug zu einem echten Politikum.

BERLIN. „Skandal“ riefen die Kritiker mit Verweis auf Menschenrechte und Tschetschenien, „tiefer hängen“ die Befürworter und Realpolitiker. Doch der so unhanseatisch lautstark ausgetragene Streit hat inzwischen das Zeug zu einem echten Politikum. Die Verleihungszeremonie im September könnte ein unfreundlicher Höhepunkt des Putin-Besuchs an der Alster werden.

30 Wissenschaftler um den Dekan der sozialwissenschaftlichen Fakultät, Michael Greven, haben sich in einer Resolution gegen die Ehrung Luft gemacht – und stehen damit nur an der Spitze einer Bewegung. „Kein Anlass“, heißt es in dem Papier, bestehe für den Doktorhut, Putin genüge den Maßstäben nicht. Zum Beweis erinnern die Professoren an den Staatsdirigismus unter Putin, an die große Zahl der Armen im Land und an die Unfreiheit der Medien. „Dies ist keine herausragende Bilanz“, schreiben die Protestierer und zeigen sich ernsthaft verstimmt.

Bisher sind die Hamburger Wirtschaftswissenschaftler nicht gerade freigiebig mit Doktorhüten umgegangen. Nur einer, der anerkannte US-Ökonom Robert Cooter, erhielt den Titel in den letzten 20 Jahren. Dabei wollen die Professoren schon gar nicht als Kulisse für Kanzler Schröder herhalten, der vor einem Jahr in St. Petersburg ebenfalls mit dem Ehrendoktor ausgezeichnet wurde. Als bei der entscheidenden Abstimmung im Fachbereichsrat der Unmut stieg, sorgte offenbar erst Druck für die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit. Dies wurde publik – und das Problem war in der Welt.

Delikat ist, dass Putin für seine Verdienste bei der Einführung der Marktwirtschaft in St. Petersburg geehrt werden soll. Damals, Anfang der 90er Jahre, war der heutige Präsident zwar als Stellvertreter des Reform-Bürgermeisters Anatolij Sobtschak ein gefragter Wirtschaftspolitiker. Doch bestenfalls einem kleinen Kreis ist dieser verwelkte Lorbeer überhaupt bekannt. Berühmt ist Putin inzwischen viel mehr für seine autokratischen Neigungen. Ein Gegensatz, der den Akademiker-Streit erst ausgelöst hat.

Für Otto Graf Lambsdorff, der bei Yukos-Mehrheitseigner Menatep im Beirat sitzt, ist die Entscheidung der Hamburger deshalb nicht nachvollziehbar: „Manchmal macht man sich so lächerlich wie man nur kann“, ätzte er gestern. Damit verstieß der Alt-Liberale gegen eine Empfehlung von Hamburgs Ex-OB Henning Voscherau, der vor allem die Handelsbeziehungen mit Russland im Blick hat. „Die der Meinung sind, dass die Ehrung Mist ist, die sollen jetzt das Maul halten“, hatte der Sozialdemokrat den Debattenton vorgegeben.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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