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Armes, reiches New York

New York, Manhattan, Wall Street - das klingt nach Geld. Die glatt gescheitelten Banker in den Wolkenkratzern, die Schönheits-Chirurgen im Rockefeller Center, die alten Damen mit Händchen an der Upper East Side - der flüchtige Betrachter könnte meinen, die ganze Stadt lebe im Überfluss. Mitnichten. Jeder Dritte - genau: 32 Prozent - hat so wenig Erspartes, dass er davon keine drei Monate über der Armutsgrenze leben könnte.

Das ist der schlechteste Wert unter allen 50 US-Bundesstaaten, ermittelte die amerikanische Stiftung für Sozialpolitik und Erziehung. Deren Studie für den Bundesstaat New York ergab: Der durchschnittliche New Yorker lebt schlechter als seine Landsleute im Rest der USA. Ein Viertel aller New Yorker (24 Prozent) hat gar kein Vermögen oder mehr Schulden als Ersparnisse. Millionen leben von der Hand in den Mund, ohne jegliche Reserven. Wie passt das zusammen zur Großspurigkeit der Weltfinanz-Metropole Ganz einfach: New York ist eine Traummaschine, die einige zehntausend Glückliche unverschämt reich macht. Die restlichen Millionen Menschen teilen sich in diejenigen, die mehr oder wenig ordentlich über die Runden kommen - und in die vielen, die als Kellner, Hausmädchen und Taxifahrer die New Yorker Maschine in Betrieb halten, ohne selbst je davon zu profitieren.

Das Tempo geben die Reichen vor: Sie treiben die Preise fürs Wohnen, Essen und Ausgehen so hoch, dass viele Zugezogene die Stadt nach einigen Jahren frustriert verlassen. Gewiss, die Dynamik New Yorks wirkt ansteckend und zieht seit Jahrhunderten arme Immigranten an. Doch von den südamerikanischen Tellerwäschern, die heute in jedem Restaurant arbeitet, wird kaum einer zum Millionär. Die anderen leben von den Dollars, die als Brotkrumen vom Tisch der Reichen für sie abfallen - und vom ewigen New Yorker Traum, der Verheißung, dem Warten auf die winzige Chance, es irgendwann doch zu schaffen.

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