Handelsblatt-Global-Reporting
Wahlkampf im Pressesaal

Jean Quatremer ist kein gewöhnlicher Journalist. Der EU-Korrespondent der linken Pariser Tageszeitung "Libération" geht gerne 'mal auf die Barrikaden - zur Not auch im Pressesaal der Brüsseler EU-Kommission.

Letzten Freitag war es wieder so weit. Erst warb Quatremer für eine Solidaritäts-Veranstaltung zugunsten zweier Journalisten von "Libé", die im Irak entführt worden waren. Dann ging er die Brüsseler Behörde massiv an: Kommissionschef José Manuel Barroso habe wohl keine Ahnung von der Lage in Frankreich, schimpfte Quatremer. Dort mache sich eine massive antieuropäische Stimmung breit - und Barroso gieße mit Kommentaren zur umstrittenen Dienstleistungsrichtlinie noch kräftig Öl ins Feuer.

Das saß. Barroso-Sprecherin Francoise Le Bail wirkte wie gelähmt - bis einige Journalisten "Buh" riefen und Quatremer zum Schweigen nötigten. "Wir sind hier nicht im Wahlkampf", brachte Le Bail schließlich heraus. Es habe wohl "enorme Mißverständnisse" gegeben. Natürlich mache sich die Kommission "Sorgen" um die Stimmung in Frankreich, wo Ende Mai über die geplante EU-Verfassung abgestimmt wird.

Genützt hat der Schlagaustausch wenig: Quatremer warf der Kommission am nächsten Tag in einem Zweispalter vor, die Verfassungs-Debatte zu "erschweren" und "das Spiel der Nein-Sager" zu spielen.

"Will Barroso, dass die Franzosen beim Referendum am 29. Mai gegen die Verfassung stimmen?", lautete gleich der erste Satz - entsprechend polemisch ging es weiter.

Ob Barroso den "Libé"-Artikel gelesen hat, ist nicht bekannt. Doch kurz darauf wies der Kommissionschef jede Verantwortung für die wachsende Unzufriedenheit in Frankreich mit der EU-Politik zurück. Nun warten die Journalisten im Pressesaal gespannt auf den nächsten Showdown. Sollten die Franzosen am 29. Mai tatsächlich die EU-Verfassung ablehnen, dürfte es hoch hergehen - denn dann haben alle Europäer ein massives Problem.

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