Handelsblatt-Interview mit Ferenc Gyurcsany
Ungarns Premier rechtfertigt bizarre Selbstkritik

Ungarns Premier Ferenc Gyurcsany rechtfertigt im Handelsblatt-Interview das Eingeständnis, seine Wähler belogen zu haben. Er drängt auf Reformen, erläutert sein Sparpaket und beklagt das mangelnde Verständnis westlicher EU-Staaten für die neuen Mitglieder.

Herr Gyurcsany, durch Ihre Rede sowie die gewalttätigen Demonstrationen ist Ungarn in die internationalen Schlagzeilen geraten. Hat dies dem Image des Landes geschadet?

Natürlich hat sich unsere Reputation in den letzten Wochen enorm verschlechtert. Wir müssen de facto wieder von vorne anfangen und das Vertrauen der Märkte, der Investoren und unserer Freunde neu aufbauen.

Wie steht es um Ihre persönliche Glaubwürdigkeit? Glauben Ihre Landsleute noch, was Ferenc Gyurcsany ihnen öffentlich sagt?

Das ist komplizierter, als Sie sich vielleicht vorstellen. Wer meine Rede, die international Schlagzeilen machte, vollständig liest, wird feststellen, um was es geht. Diese Rede richtet sich gegen eine gewisse ungarische Mentalität, gegen die bei vielen Bürgern fehlende Courage für wirkliche Veränderungen. Es war ein emotionaler, dramatischer Monolog meinerseits, mit dem ich meine Landsleute dazu aufgerufen habe, aktiv zu werden. In den letzten zehn Tagen hat sich die öffentliche Haltung mir gegenüber geändert. Es geht nicht nur darum, dass wir gelogen haben, sondern darum, dass wir uns alle nachhaltiger mit der Realität konfrontieren. In den Umfragen sagt mittlerweile die Mehrheit der Bürger, dass meine Regierung und ich nicht resignieren sollten. „Er, Gyurcsany, ist der Erste, der wirklich mutig und ehrlich ist, uns die Wahrheit zu sagen“, meinen viele.

Das bedeutet, dass Ihre Rede eine kühl geplante Provokation war?

Nun, in erster Linie war das eine Provokation gegenüber meinen Parteikollegen. Ich habe ja die Rede vor der Parlamentsfraktion gehalten. Sie war ja eigentlich nicht öffentlich.

Was heißt nicht öffentlich? Lässt sich so etwas geheim halten?

Für mich war das eine Art Waffe. Ich wollte auf Konfrontation zu meinen Parteikollegen gehen. Ihr sollt mich gefälligst unterstützen. Wir brauchen wirklich den Wandel.

Aber wenn Ihre sozialistische Partei die Kommunalwahlen verliert …

... sie wird nicht verlieren ...

... aber wenn doch, was passiert dann mit Ihrem Sparprogramm?

Wir werden keine Abstriche von dem Programm machen. Die Kommunalwahlen drehen sich nicht um mein Programm. Das Konvergenz- und Sparprogramm, das wir jetzt auf den Weg gebracht haben, dient der Nachhaltigkeit unseres wirtschaftlichen Wachstums. Nur so werden wir auch das Vertrauen in unsere Wirtschaft wieder stärken. Wir fokussieren uns auf Reformen und Investitionen und nicht auf neue soziale Maßnahmen. Wir haben ein Mandat für unser Programm, und ich werde dieses Mandat erfüllen. Inzwischen genieße ich eine sehr effektive Unterstützung von meinen Leuten, also von den beiden Regierungsparteien. Ich werde überhaupt nicht zögern. Ich mache meinen Job.

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