Handelsblatt-Interview mit Paul A. Samuelson
„Wir sollten das Tempo der Globalisierung drosseln“

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul A. Samuelson über die Verlagerung von Arbeitsplätzen, den Freihandel und die Selbstgefälligkeit der Ökonomen. Ein Handelsblatt-Gespräch.

Handelsblatt: Sie behaupten, die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer (Outsourcing) kann auch dauerhaft zu wirtschaftlichen Schäden führen. Damit stellen Sie die Grundlage der mehr als 200 Jahre alten Freihandelslehre in Frage. Warum gerade jetzt dieser Angriff?
Samuelson: Es gab eine Reihe von schlechten Beiträgen zu diesem Thema. Einige kamen von meinen ehemaligen Studenten wie Gregory Mankiw (Berater von US-Präsident Bush) und Jagdish Bhagwati (Wirtschaftsprofessor in New York). Aber auch US-Notenbankchef Alan Greenspan war dabei. Ich fand es wichtig, die Sache richtig zu stellen.

Handelsblatt: Wenn Ihre Theorie richtig ist – und selbst Ihre Kritiker zweifeln nicht daran –, warum ist vorher niemand darauf gekommen?
Samuelson: Das ist wie mit Märchen. Wenn eine Meinung populär ist, scheint jeder irgendwie in einen Schlaf zu fallen. Ökonomen streiten die ganze Zeit – nur beim Freihandel scheinen sich alle einig zu sein. Eine ökonomische Debatte über das Outsourcing ist jedoch längst überfällig.

Handelsblatt: Was ist der Kern Ihrer Kritik?
Samuelson: Wenn es irgendwo eine neue Erfindung gibt, nutzt das der ganzen Welt. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder in jedem Land da-von profitiert. Mit Hilfe neuerer Verfahren kann man zeigen, wer gewinnt und wer verliert.

Handelsblatt: Können Sie ein Beispiel geben?
Samuelson: Wenn China seine Produktivität erhöht durch eigenen Erfindungsreichtum oder durch Nachahmung bei einem Produkt, bei dem die USA bislang einen komparativen Handelsvorteil hatten. Dann kann das sehr wohl zu einem Rückgang des Pro-Kopf-Einkommens in Amerika führen. Das gilt auch, wenn man Bankdienstleistungen von South Dakota nach Indien verlagert.

Handelsblatt: Dass es kurzfristig zu Wohlstandsverlusten kommen kann, bestreiten doch auch die Anhänger der Freihandelslehre nicht.
Samuelson: Sie behaupten aber, dass die Gewinne gewissermaßen axiomatisch auch den Verlierern zugänglich gemacht werden. Unterm Strich profitiert langfristig also jeder. Das ist jedoch einfach falsch.

Handelsblatt: Warum?
Samuelson: Meine schlauen Studenten übersehen, dass die Verteilung der Wohlfahrtsgewinne nicht gleich bleibt. Die Wirtschaftsgeschichte zeigt das. Ich lehre seit 60 Jahren in Neuengland und habe die Schuh- und Textilindustrie in den Süden abwandern sehen.

Handelsblatt: Ihre Kritiker behaupten, Sie würden die Auswirkungen des Outsourcings übertreiben. Tatsächlich würden nur etwa 100 000 Jobs pro Jahr aus Amerika ins Ausland abwandern.
Samuelson: Wenn etwas im Kleinen Sinn macht, braucht es nur etwas Zeit, um sich durchzusetzen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs lag der Anteil der USA an der weltweiten Wirtschaftsleistung bei etwa 40 Prozent. Seitdem ist er kontinuierlich gesunken und liegt heute bei etwa 22 Prozent.

Handelsblatt: Sie erwarten also, dass andere Länder die USA wirtschaftlich einholen?
Samuelson: Amerikanische Arbeiter sind nicht per se produktiver als andere. Ausgestattet mit den gleichen Maschinen und dem gleichen Wissen, können andere Länder mithalten. Frankreich und Deutschland zum Beispiel sind nicht weniger produktiv als die USA, sie arbeiten nur weniger Stunden. Aber das scheint sich ja jetzt zu ändern.

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