Handelsblatt-Interview
Nachgefragt: Julija Tymoschenko

Julija Tymoschenko (44) ist Abgeordnete der Mutterlandspartei im ukrainischen Parlament und die wichtigste Partnerin von Oppositionsfuehrer Viktor Juschtschenko.

HB KIEW. Oft ist von einer Spaltung der Opposition in der Ukraine zu hören und dass sie das zögerliche Vorgehen von Oppositionsführer Juschtschenko für falsch halten. Stimmt das?

Nein, es gibt keinen Bruch. Ich unterstütze ihn mit meiner ganzen Seele auf dem schweren Weg, den wir bis zum Sieg noch vor uns haben. Aber ich bin dafür, dass wir das Volk nicht aufhalten. Das Volk ist reif genug und verbittert genug über das alte Regime, um selbst zu entscheiden, wie es weiter vorgehen will. Ich werde alles unterstützen, was das Volk macht. Ich sehe mich als Vertreterin der Demonstranten in der Politik.

Sind denn die Verhandlungen Juschtschenkos mit dem Lager von Präsident Kutschma falsch?

Unsere Revolution wird siegen, egal, was die Politiker sagen.

Welche Rolle werden Sie denn nach einem möglichen Sieg Juschtschenkos spielen?

Premier und Vizepremier werden wir erst benennen, wenn Juschtschenko de jure Präsident ist. Aber ich möchte in die Regierung und an Juschtschenkos Seite weiter Politik machen. Ich wäre eine gute Premierministerin und könnte den Posten gut ausfüllen. Aber das entscheidet Viktor Juschtschenko.

Was verlangen Sie jetzt und wann gibt es eine Entscheidung im ukrainischen Machtvakuum?

Wir werden jetzt eine Mehrheit für Juschtschenko im Parlament schaffen und ein Strafverfahren gegen Präsident Kutschma anstrengen, wenn er Neuwahlen und die Einsetzung einer neuen Regierung blockiert. Unser Sieg ist nah. Wir geben Kutschma noch zwei Tage Zeit, die Gesetze für eine Neuwahl zu unterschreiben. Sonst steht das Volk auf und sagt seine Meinung – klar und radikal.

Wie bewerten Sie die Rolle Russlands in der Krise um die Ukraine?

Präsident Putin macht den Fehler, einen Witz dreimal zu erzählen, aber da lacht dann keiner mehr drüber. Er sollte dem von uns abgesetzten Premier Janukowitsch nicht weiter zu einem vermeintlichen Sieg gratulieren. Putin hat einen Fehler gemacht, aber das ist keine Schande. Er sollte jetzt vielmehr sehen, dass als Juschtschenko und ich in der Regierung war, wir hervorragende ukrainisch-russische Beziehungen geschaffen haben. Ich selbst stamme aus dem Osten der Ukraine und verstehe, was die Menschen dort wollen. Es stimmt einfach nicht, dass wir nur Vertreter der West-Ukraine sind. Wir wollen gute Beziehungen zu Russland und dem Westen.

Wie halten Sie und Ihre Familie die Dauerbelastung durch?

Die meisten Familienangehörigen sind im Ausland. Aber meine Schwiegereltern, meine Mutter und meine Tochter sind immer auf der Demonstration. Wenn mir vorgeworfen wird, ich würde nur fremde Studenten als Kämpfer einsetzen, kann ich nur sagen: Meine Tochter marschiert in der ersten Reihe mit. Ich wrde aber gern inzwischen mal mehr schlafen und regelmässig etwas essen. Doch wenn ich mal ein wenig durchhänge, baut mich immer wieder auf, dass ich eine große Verantwortung für unser Volk habe.

Sie werden oft mit Jeanne d’Arc verglichen, stimmt der Vergleich?

Der Vergleich mit der groessen Französin ehrt mich. Aber ich möchte nicht so enden wie sie.

Die Fragen stellte Mathias Brüggmann

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