Handelsblatt-Interview
„Wir erwarten verstärkte Hilfe“

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan sieht sein Land auf dem Weg in die EU und lobt in einem Handelsblatt-Interview Berlin.

Handelsblatt: Wo befindet sich die türkische Regierung auf dem angestrebten EU-Kurs?

Erdogan: Unsere Regierung hat entschlossen tief greifende Reformen angepackt. Damit erfüllen wir die gesetzlichen Erfordernisse der Kopenhagener Kriterien, die für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen eine Voraussetzung sind. Wir konzentrieren uns nun auf die Umsetzung. Auch hierbei werden wir erfolgreich sein. Dass diese von uns eingeleiteten wichtigen Schritte im Integrationsprozess von den EU- Mitgliedstaaten, der EU-Kommission und insbesondere von Deutschland mit Anerkennung gewürdigt wird, zeigt, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden.

Rechnen Sie damit, dass die EU Ende 2004 mit den Beitrittsverhandlungen beginnen wird?

Ich glaube, dass die EU bei der Bewertung dieser Maßnahmen objektiv und gerecht handeln wird. Deshalb bin ich überzeugt, dass es einen Beschluss für die Aufnahme der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei auf dem EU-Gipfel nächstes Jahr im Dezember geben wird.

Was wäre die Perspektive, wenn der Bericht nicht positiv ausfällt?

Erdogan: Ich sehe keinen Grund für eine Nichtaufnahme der Verhandlungen, wenn wir die Voraussetzungen erfüllt haben. Es ist jedoch unschwer, sich das Ausmaß der Enttäuschung der türkischen Öffentlichkeit und die Vertrauenskrise gegenüber Europa vorzustellen, wenn zur Verhinderung der Beitrittsverhandlungen neue Vorwände eingebracht werden.

Gehört Deutschland zu den EU-Ländern, die eine Mitgliedschaft eher fördern oder hemmen?

Deutschland war zu keiner Zeit gegen eine Mitgliedschaft der Türkei in die EU. Wenn dies der Fall wäre, hätte die Türkei bereits 1963 den Assoziationsvertrag mit der damaligen EWG, der die Vollmitgliedschaft zum Ziel hatte, nicht unterzeichnen können. In den vergangenen 44 Jahren hat kein Regierungsverantwortlicher vorgebracht, dass die Türkei nicht EU-Mitglied sein könne. Im Gegenteil, die grundsätzliche Fähigkeit der Türkei zur EU-Mitgliedschaft wurde bei jeder Gelegenheit bestätigt. Die Koalitionsregierung unter Bundeskanzler Schröder unterstützt den Integrationsprozess der Türkei in die EU kontinuierlich. Aus diesem Grunde sind wir der Bundesrepublik Deutschland dankbar.

Was erwarten Sie konkret von der Bundesregierung?

Wir alle wissen genau, dass Deutschland in allen Phasen der von der EU erreichten wirtschaftlichen und politischen Fortschritte eine treibende Kraft war und sogar eine „Motor“-Rolle gespielt hat. Daher ist die Haltung der Bundesrepublik sehr wichtig. Auch bei der Anerkennung des Kandidatenstatus der Türkei 1999 haben wir entscheidende Unterstützung von Bundeskanzler Schröder und der Bundesregierung erfahren. Wir erwarten nun in dem vor uns liegenden entscheidenden Prozess eine verstärkte Fortsetzung dieser Unterstützung. Deutschland hat aus eigenen strategischen Erfordernissen heraus im EU-Erweiterungsprozess bisher dem Beitritt der ehemaligen Ostblockstaaten den Vorrang eingeräumt. Im nächsten Jahr werden diese Länder offiziell EU-Mitglieder. Nunmehr erwarten wir die deutlich verstärkte Unterstützung Deutschlands für die Türkei.

Warum ist das für Deutschland wichtig?

Es gibt weit in die Geschichte zurückreichende freundschaftliche Beziehungen, sowohl im politischen wie im wirtschaftlichen Bereich. Und unsere 2,5 Millionen Bürger, die in Deutschland leben, aber auch die 3 Millionen deutschen Touristen haben ein Gefühl der Nähe und der Bindung zwischen unseren Bevölkerungen wachsen lassen. Deshalb wird meine Überzeugung immer stärker, dass Deutschland die Unterstützung, die es den mittel- und osteuropäischen Staaten zukommen ließ, der Türkei nicht vorenthalten wird.

Das Gespräch führte Andreas Rinke.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%