Handelsblatt-Serie zum angestrebten EU-Beitritt
Türken fühlen sich als Teil Europas

Ali Sayin weiß, was er von der EU zu erwarten hat: „Alles wird dann besser“, glaubt der 63-Jährige, der im Basar in Istanbul Gewürze verkauft. „Richtiges Geld“ erhofft sich Ali, wenn sein Land Mitglied wird, den Euro nämlich. „Dann können wir das hier endlich in den Papierkorb werfen“, sagt der Händler und wedelt mit einem 20- Millionen-Lira-Schein. Die Banknote ist knappe elf Euro wert. Tendenz: fallend seit Landeswährung, Aktien und Anleihen wegen der jüngsten Eskapaden der Regierung in Ankara auf Talfahrt gingen.

ISTANBUL. Alles schien in trockenen Tüchern, der Beschluss zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen beim EU-Gipfel im Dezember nur noch eine Formsache – bis Ministerpräsident Tayyip Erdogan jüngst mit seinen Plänen, Ehebruch als Straftatbestand zu werten, nicht nur in Brüssel sondern auch im eigenen Land für heftige Irritationen sorgte. Heute wird Erdogan in Brüssel erwartet. Vor dem Krisentreffen mit EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen hat der türkische Ministerpräsident am Mittwochabend in Ankara Kompromissbereitschaft signalisiert. Nach dem Gespräch werde er eine „Neubewertung“ vornehmen. „Was im Interesse des Landes nötig ist, wird getan.“ Ohne eine Reform des Strafrechts, das stellte gestern ein Sprecher Verheugens klar, werde die Kommission am 6. Oktober den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei bis auf weiteres eine Absage erteilen.

Fast schien es, als wolle die türkische Regierung mit der neuen Debatte über die Strafrechtsreform jenen in Europa Argumente liefern, die von einem EU-Beitritt der Türkei nichts wissen wollen, und den Beitrittsgegnern im eigenen Land in die Hände arbeiten. Denn auch die gibt es. Zu suchen sind die Bremser vor allem in der Staatsbürokratie, der Justiz, im Sicherheitsapparat und beim Militär. Sie bangen um Macht und Pfründe, wenn Demokratie und Transparenz einkehren.

Doch immerhin 73 Prozent, so zeigen Umfragen, sind für den Beitritt. Aber schon vor den jüngsten Spannungen glaubten nur 50 Prozent, dass ihr Land den Anschluss an Europa tatsächlich schaffen wird.

„Willkommen in Asien“ steht auf dem großen Schild, das die Autofahrer am östlichen Ende der Bosporusbrücke grüßt. Hier beginnt Anatolien, die eigentliche Türkei. Nur ein kleiner Zipfel, drei Prozent des Landes, liegt in Europa. Dennoch glauben die meisten Türken fest an die europäische Berufung ihres Landes. Die im Westen diskutierte Frage, ob die Türkei geographisch, politisch und kulturell überhaupt zu Europa gehöre, verstehen sie nicht. Schließlich ist die Westorientierung der Türkei seit den Tagen des Republikgründers Atatürk ein unumstößliches Dogma.

Der für den 6. Oktober erwartete Fortschrittsbericht der EU-Kommission dürfte jedoch einige kritische Passagen enthalten. Auf seiner Grundlage soll der Europäische Rat im Dezember entscheiden, ob die Türkei die Voraussetzungen für Beitrittsverhandlungen erfüllt. Dazu gehören stabile demokratische Institutionen, ein rechtsstaatliches System, die Achtung der Menschen- und Minderheitenrechte, Religionsfreiheit und eine Marktwirtschaft, die dem Wettbewerbsdruck des gemeinsamen Marktes gewachsen ist.

Über zwei Drittel der Türken erhoffen sich vom EU-Beitritt in erster Linie wirtschaftliche Vorteile. Kein Wunder: Das türkische Pro- Kopf-Einkommen liegt bisher nur bei 29 Prozent des EU-Durchschnitts. Die Hoffnung auf höhere Einkommen ist zwar legitim, schließlich gehört die Angleichung der Lebensverhältnisse zu den ausdrücklichen Zielen der EU. Dass aber Europa vor allem eine Wertegemeinschaft ist, übersehen viele Türken. „Die Türkei müsse die Kraft aufbringen, traditionelle türkische Werte mit europäischen Werten zusammenzubringen“, mahnt Verheugen anlässlich der jüngsten Kontroverse, die europäischen Werte seien „nicht verhandelbar“. Genau das aber glaubten viele Türken, sagte ein EU-Diplomat in Ankara – „gerade so als solle nicht die Türkei der EU beitreten sondern die EU der Türkei“.

Türkische Wirtschaftsführer räumen ein, dass es noch erheblichen Reformbedarf gibt – „auch in den Köpfen“, unterstreicht Ishak Alaton, einer der angesehensten Unternehmer des Landes. Die Beitrittsperspektive sieht Alaton als „das wichtigste Element der Erneuerung in unserem Land“. Deshalb warnt er auch vor den Gefahren einer Zurückweisung: „Schließt Europa seine Türen vor uns, werden wir unsere inneren Konflikte niemals lösen können und damit zu einem Faktor der Instabilität auch für Europa“.

Dass der Weg in die EU noch weit ist, weiß auch Alaton. Aber auf dem Weg zu sein sei manchmal wichtiger als anzukommen, meint der 78-jährige und erzählt ein orientalisches Gleichnis: Eine Ameise beschließt, von Bagdad nach Mekka zu pilgern. „Tausende Kilometer, das schaffst du doch nie“, sagen die anderen Ameisen. „Mag sein“, sagt sie, „wahrscheinlich werde ich sterben, bevor ich ankomme. Aber dann war ich wenigstens auf dem Weg.“

Der lange Weg

1959: Die Türkei stellt einen ersten Antrag auf Mitgliedschaft in der EWG.
1963: Die EWG und die Türkei schließen ein Assoziierungsabkommen.
1978: Die EG bietet der Türkei einen Beitritt mit Griechenland an. Ankara lehnt ab.
1980: Nach dem Putsch der türkischen Militärs friert die EG die Beziehungen zu Ankara ein.
1987: Ankara beantragt die Vollmitgliedschaft in der EG.
1989: Die Kommission bestätigt die Beitrittsperspektive.
1996: Zollunion zwischen der Türkei und der EU.
1997: Die EU verweigert der Türkei den gewünschten Kandidatenstatus, Ankara bricht den Dialog mit Brüssel ab.
1999: Die EU gibt der Türkei endgültig den Status eines Beitrittskandidaten.
2002: Die EU sagt Beitrittsverhandlung zu, wenn die politischen Kriterien bis Dezember 2004 erfüllt sind.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%