Handgranaten-Anschlag
Drogenkrieg in Mexiko erreicht neue Stufe

Mexiko im Schockzustand: In Morelia hat ein mit Handgranaten verübtes Attentat auf einem belebten Marktplatz sieben Menschen getötet. Die Spuren führen zur Rauschgiftmafia. Sollte sie hinter dem Attentat stecken, wäre eine neue Stufe des Drogenkriegs in Mexiko erreicht.

MEXIKO-STADT. Gerade hatte Gouverneur Leonel Godoy in Morelia die Freiheitsglocke angeschlagen, da detonierten die Sprengsätze. Es war kurz nach 23 Uhr am Montag dieser Woche – dem 198. Jahrestag der Unabhängigkeit von Spanien – als Unbekannte Handgranaten auf den mit Tausenden Menschen gefüllten zentralen Platz der mexikanischen Stadt warfen. Die Explosionen rissen sieben Menschen in den Tod, über Hundert erlitten Verletzungen. Seitdem ist ganz Mexiko in Schockstarre verfallen.

Gouverneur Godoy machte umgehend die Rauschgiftmafia für den Anschlag verantwortlich. Tatsächlich weisen Spuren in diese Richtung. Zum einen gab es vor dem 15. September anonyme Drohungen aus den Reihen der organisierten Kriminalität gegen die Unabhängigkeitsfeier, wie Godoy bekannte. Zum anderen liegen in dem Attentat versteckte Botschaften, mit denen die Mafia gerne operiert. Morelia ist die Hauptstadt des Bundesstaates Michoacán, in dem Präsident Felipe Calderón geboren wurde. In dem Staat liefern sich Kartelle heftige Revierkämpfe. Und der 15. September ist in Mexiko der wichtigste Feiertag, denn er gilt als Geburtsstunde des Landes.

Sollten die Rauschgiftkartelle hinter dem Attentat stecken, wäre eine neue Stufe des Drogenkriegs in Mexiko erreicht, auf der sich die Gewalt der Mafia auch gegen unbeteiligte Bürger richtet. Bisher bekämpften sich die Kartelle untereinander oder töteten gezielt Polizisten und hohe Funktionäre. Seit Monaten vergeht kein Tag, ohne dass irgendwo in Mexiko ein Opfer der Kriminellen zu beklagen wäre. Mittlerweile zählt das Land fast 3 000 Tote in diesem Jahr und bald 5 000, seit der Präsident dem organisierten Verbrechen im Dezember 2006 den Kampf angesagt hat. Dieser ist längst außer Kontrolle geraten: „Es tobt ein blutiger Krieg da draußen“, sagt Federico Estévez, Politologe an der Universität Itam von Mexiko-Stadt. „Es ist das gesammelte Versagen der Behörden von vielen Jahren, das uns diese Situation beschert hat.“

Vor drei Wochen protestierten mehr als 200 000 Menschen gegen die entfesselte Gewalt und forderten die Regierungen in Bund und Bundesstaaten auf, endlich sinnvoll zu handeln. Um die Kartelle zu zerschlagen, baut der Präsident aber ausschließlich auf Gegengewalt. 35 000 Soldaten und Bundespolizisten setzte er im ganzen Land in Marsch. Aber der massive Militäreinsatz bringt nur noch mehr Gewalt. Jedes Wochenende werden Dutzende Leichen gefunden, die enthauptet oder hingerichtet von den Kartellen demonstrativ abgelegt werden – meist mit einer Botschaft versehen: „Lasst uns arbeiten.“

Vier große Mafiaorganisationen kämpfen um die profitablen Transitrouten vor allem für Kokain in die USA. Nach Erkenntnissen der US-Drogenfahnder ist Mexiko das bedeutendste Drehkreuz für Rauschgift mit dem Ziel Vereinigte Staaten. 90 Prozent des in den USA konsumierten Kokains kommen über Mexiko ins Land. Hinzu kommen Tausende Tonnen Marihuana, Heroin und synthetische Drogen.

Experten fordern den Staat zu einem Strategiewechsel auf. Nur mit dem Einsatz von Militär und mehr Polizei sei das Problem nicht in den Griff zu bekommen, sagt der Uno-Berater für den Kampf gegen das organisierte Verbrechen, Edgardo Buscaglia. Die Kriminalität habe in Mexiko solche Ausmaße angenommen, weil der Staat schwach sei und „explizite oder taktische Allianzen“ zwischen Politik, Unternehmern und dem Verbrechen existierten. „Mexiko gehört zu den fünf Staaten mit dem höchsten Grad an organisierter Kriminalität weltweit.“ Die Regierung tue zu wenig gegen Korruption und die Finanznetze der Mafia.

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