Hans-Olaf Henkel: Die Vision von einem Nord- und Süd-Euro

Hans-Olaf Henkel
Die Vision von einem Nord- und Süd-Euro

Jahrelang hat Hans-Olaf Henkel für den Euro geworben - in der Öffentlichkeit und als BDI-Chef bei Mittelständlern. Heute bereut er das, wie Henkel in seinem gerade erschienenden Buch "Rettet unser Geld!" zugibt. Der Euro müsse neu erfunden werden, nämlich in zwei Versionen: einem Nord- und einem Süd-Euro.
  • 7

DÜSSELDORF. Irren ist ja bekanntlich menschlich. Und wer viel redet, sagt automatisch auch viele Dinge, auf die er später einmal nicht mehr stolz ist. Hans-Olaf Henkel gehört freilich nicht zu den Leisetretern der Nation - gehe es um Talkshow-Auftritte oder auch um Bücher. 2009 hat er "Die Abwracker" geschrieben, einen Bestseller, in dem Henkel mit Politikern und Managern übel ins Gericht ging, die Deutschland Richtung Abgrund trieben.

Nun hat Henkel aus aktuellem Anlass erneut zur Feder geschrieben. Eigentlich wollte noch gar kein neues Buch schreiben, wie er im Vorwort von "Rettet unser Geld!" erwähnt - man mag es ihm beinahe glauben. Doch die Euro-Krise lasse ihm keine Ruhe. Und dann tut Henkel das, was Buchautoren sehr selten machen: Er entschuldigt sich und nimmt sich praktisch im ersten Satz ein gutes Stück seiner Glaubwürdigkeit.

Henkel sei mal "Überzeugter Anhänger des Euro" gewesen, habe jahrelang für ihn geworben. Es gibt sogar ein spezielles Kapitel "wie ich für den Euro kämpfte". Das tut ihm heute Leid. Der Euro sei auf der Intensivstation. Nicht die Idee, sondern die Umsetzung. Nach all dem, was im Zuge der Schuldenkrise geändert worden sei, müsse man zu diesem Schluss kommen.

Deutschland hatte einst die No-Bailout-Klausel durchgesetzt. Dass diese nun gefallen ist, dass die Gemeinschaft nun für die Schulden einzelner Staaten geradestehen muss, das hat Henkels Meinung über den Euro endgültig drehen lassen. Damit steht er in einer Reihe mit Ottmar Issing, früher Chefvolkswirt der EZB und einer der Euro-Konstrukteure: "Ist die No-Bailout-Klausel erst einmal verletzt, brechen alle Dämme", hatte Issing in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gesagt.

180 Seiten lang erklärt Henkel in dem Buch, was mit dem Euro schief gelaufen ist. Kurz gesagt: Mehrere deutsche Regierungen hätten sich vor allem von Frankreich über den Tisch ziehen lassen im Hinblick auf die Bedingungen, unter denen der Euro eingeführt wurde. Die Konvergenzkriterien seien zu leicht zu hintergehen gewesen - da kann man ihm schwer widersprechen. Ähnliches gilt bei der überhasteten Einführung des Euro in einigen Ländern, deren Finanzlage sich später als instabil zeigte.

Da fehlt es auch nicht einem kräftigen Seitenhieb auf die "Maulkorb-Republik": "Ob die USA oder England, Frankreich oder die Schweiz - überall nutzen die Menschen das Privileg, kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen. In der Maulkorb-Republik dagegen tut man das." Und dieser Umstand, nämlich das warnende Fachleute nicht gehört wurden, hätte sich gerade beim Euro als äußerst schädlich erwiesen.

Seite 1:

Die Vision von einem Nord- und Süd-Euro

Seite 2:

Kommentare zu " Hans-Olaf Henkel: Die Vision von einem Nord- und Süd-Euro"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Eine Spaltung des Euro ?
    Warum?
    Wenn einige Länder nicht zufrieden sind und die Mehrheit dafür?!
    Die Unzufriedenen sollten einfach austreten und nicht versuchen, die anderen in den Ruin zu drücken.
    Weil dass würde passieren mit einem unterschiedlichen Eurosystem. Die einen werden viel verdienen und die anderen machen nur Verluste.
    Wer so egoistisch ist und nur an sich denkt, soll einfach aus der EU und dem Euro austreten.
    Viele Länder haben diese Propaganda von einigen bestimmten Ländern satt.
    Es konnte auch passieren, dass diese Nationen aus der EU rausgeschmissen werden.
    Und mit der dummen Propaganda allein weiter leben und nicht auf Kosten der EU. Und keine dummen Vorschläge machen, wie den mit dem unterschiedlichen Eurosystem Nord/Süd.
    Keiner ist gezwungen mitzumachen in der EU,
    nicht Deutschland oder wer auch immer.
    Aber bitte kein hinterlistiges System,
    entweder mit dem Euro und EU oder raus.

  • Olaf Henkel hat grundsätzlich Recht. Der EURO setzt, was anfangs versäumt wurde, eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik in den EURO-Staaten voraus.Das ist aber illusion, weil die ökonomischen und finanzpolitischen Mentalitäten zwischen Süd- und Mittel/Nordeuropa selbst nach 10 Generationen, eigentlich niemals in Einklang zu bringen sind. Notfalls wird mit Zahlen getrickst, wie gehabt.
    Auch das Grundgesetz gibt das nicht her. Wenn überhaupt, müsste ein bundesstaat Europa geschaffen werden, dann gleich mit einem EURO-Staaten-Finanzausgleich = Transferunion.Das wollen die Steuerzahler der Zahlerstaaten niemals, ich auch nicht im interesse meiner 8 Enkelkinder. Wer daran glaubt, gibt sich einer illusion hin. Süd- und Nord-EURO können problemlos von der EZb betreut werden, eben mit unterschiedlichen Tauschwerten. Jetzt hat die EU neben dem EURO mindestens 10 andere Währungen. Deshalb kann trotzdem eine harmonisierte Gesamtpolitik erreicht werden, was auch geschieht. Warum zahlt Deutschland sonst 24,5 Mrd EURO p.a. nach brüssel? Wenn nicht, könnten wir das Geld sparen, besser weniger bundesanleihen aufnehmen.

  • Generell sind Kritiker eher unbeliebt als Ja-Sager, selbst wenn die Kritik sachlich und begründet ist. Schade eigentlich. Denn genau das ist es, was positive Entwicklungen ermöglicht - Nachdenken, Mitdenken, ja, Vorausdenken, immer wieder infragestellen und vor allem kreative und konstruktive Lösungen entwickeln. Die Überlegungen von Herrn Henkel halte ich für absolut überdenkenswert. Das bedeutet nicht sie 1:1 zu übernehmen, sondern sie als eine Möglichkeit der Verbesserung ernsthaft zu prüfen.

    Die Einführung des Euro war aus meiner Sicht vergleichbar mit einem Pilotprojekt, zugegeben, ein Pilotprojekt mit extrem weitreichenden Konsequenzen - für die ganze Welt und auch für jeden einzelnen Menschen in Europa. Dass es zu Nachbesserungen und Nachjustierungen kommen muss, ergibt sich schon fast zwangsläufig daraus, dass Veränderungen der Rahmenbedinungen und des Umfeldes, diese - früher oder später - erforderlich machen. Einmal ganz ehrlich, schließlich kann niemand wirklich in die Zukunft schauen. Also sollte man dies auch niemandem vorwerfen.

    Doch Vorsicht! Das ist kein genereller Freifahrtschein. Die Verantwortung bleibt. Gesunden Menschenverstand und entsprechende Weitsicht sollte man von den Entscheidungsträgern auf jeden Fall erwarten können.

    Schließlich gab es auch einmal ganz klare Stabilitätskriterien für den Euro und seine beitrittsländer. Da hatte also schon jemand vorausgedacht. Und wie sich jetzt zeigt - zu Recht. Doch was ist aus diesen Kriterien geworden? Geschönte Zahlen, faule Kompromisse… bei vielen beitrittsländern. Und jetzt? Jetzt ernten wir die Früchte der damaligen Saat. Und viele beteiligte und Mitverursacher tun überrascht. Aus meiner Sicht: Erschreckend - und vor allem nicht vertrauensfördernd.

    Schade finde ich, wenn bei einem guten bericht unsachliche Verknüpfungen geschaffen werden, die nicht stimmen oder zumindest nicht stimmen müssen. So ist zu lesen „… dann tut Henkel dass, was buchautoren selten machen: Er entschuldigt sich und nimmt sich praktisch im ersten Satz ein gutes Stück seiner Glaubwürdigkeit.“

    Es ist auch meine Erfahrung, dass sich die Menschen – nicht nur buchautoren – relativ selten entschuldigen. Warum? Wahrscheinlich genau aus der befürchtung heraus, dass dies wie in diesem konkreten Fall interpretiert wird. ich persönlich habe die Nase voll von den Menschen, die teilweise nachweisliche schlechte Entscheidungen mit Gewalt schönreden und darauf angesprochen auch noch unsachlich reagieren. Ja, und leider scheint genau dieses Verhalten in unserer Gesellschaft eher normal zu sein. Doch normal bedeutet nicht immer gut, sondern nur dass es der Norm entspricht. Und Normen kann man ändern - vorausgesetzt man will dies wirklich.

    ich persönlich rechne es Herrn Henkel hoch an, dass er diese Wortwahl getroffen hat. Für mich ist es genau das Gegenteil dessen, was der Autor des Artikels schreibt. Für mich ist es ein Grund in die Aussagen von Herrn Henkel besonderes Vertrauen zu haben. Warum?

    1. Weil es für mich bedeutet, dass ein Mensch lernfähig ist, wenn er sachlich begründet wieso er nun eine andere Sicht der Dinge hat als bisher.
    2. Weil es oftmals gar nicht so leicht fällt zuzugeben, dass man sich geirrt hat. Dies ist für mich daher ein Zeichen von Ehrlichkeit. Und die genau diese Ehrlichkeit sollte es - nach wie vor - sein, die Vertrauen bei den Menschen schafft und rechtfertigt.

    Und gerade weil es oftmals fälschlicherweise als Schwäche interpretiert wird, wenn ein Mensch seine Meinung ändert, bedarf es dazu in Wirklichkeit echte innerer Größe. Dieser ehrliche Umgang sollte aus meiner Sicht daher Vorbild sein und beispiel geben.

    Auch wenn ich nicht alle inhaltlichen Punkte genauso sehe wie Herr Henkel, so halte ich es für sehr wichtig, dass unsere Gesellschaft, die Gemeinschaft, in der Sie und ich leben, Raum bietet für Vorausdenker, für kreative ideen, für konstruktive Lösungen und für ehrliche Menschen - sowie für das Recht auf „freie Meinungs-Änderung“.

    Eine Weisheit aus der Zeit von 1741 – 1801 besagt: „Zu erkennen, dass man sich geirrt hat, ist nur das Eingeständnis, dass man heute schlauer ist als gestern“ (entliehen von Johann Caspar Lavater) – Mit den besten Wünschen verbleibe ich – Robert Knitt von der iM bE MA – Consult GmbH

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%