Happyend in Riga?
Tsipras – Griechenlands neuer Merkelist

Einst schimpfte Alexis Tsipras auf die deutsche Kanzlerin – als Premier sucht er die Nähe zu Angela Merkel. Auch heute auf dem EU-Gipfel in Riga. Begleitet wird seine Reise jedoch von schrillen Misstönen aus Athen.
  • 22

AthenAls griechischer Oppositionsführer dämonisierte Alexis Tsipras die deutsche Kanzlerin als „gefährlichste Politikerin Europas“; seinen Vorgänger Antonis Samaras verspottete er als „Merkelisten“, der Weisungen aus Berlin entgegennehme. Aber als Ministerpräsident scheint Alexis Tsipras eine immer größere Anhänglichkeit zu Angela Merkel zu entwickeln. Mitunter telefoniert man mehrfach pro Woche miteinander.

Politische oder gar persönliche Zuneigung ist es wohl nicht, sondern eher die Erkenntnis, dass gegen die Kanzlerin nichts läuft in Europa. Jedenfalls sucht Tsipras Merkels Nähe. So auch an diesem Donnerstag: am Rande des EU-Gipfels in Riga will sich Tsipras mit ihr zu einem Tête-à-Tête treffen.

Für Tsipras steht in Riga viel auf dem Spiel. Dort könnte sich entscheiden, ob es in den zähen Verhandlungen mit den Gläubigern, die sich nun schon über drei Monate dahinschleppen, doch noch zu einem Happyend kommt. Tsipras weiß: Geld wird er aus der lettischen Hauptstadt nicht mitbringen. Über weitere Kredite müssen die Euro-Finanzminister entscheiden.

Aber er hofft auf ein Signal des Europäischen Rats, eine Weichenstellung, die zu einem positiven Abschluss der Verhandlungen führen könnte. Den Boden dafür will er am Rande des Gipfels in Einzelgesprächen mit Angela Merkel und Francois Hollande bereiten. Geht alles gut, könnten die Finanzminister der Eurogruppe am Montag zu einem Sondertreffen zusammenkommen. Damit käme Athen der Freigabe bisher zurückgehaltener Kreditraten einen großen Schritt näher.

Ob es so läuft, ist nicht sicher. Denn begleitet wird die Tsipras-Reise von schrillen Misstönen aus Athen. Der Fraktionschef des regierenden Linksbündnisses Syriza, Nikos Filis, drohte am Mittwoch an, Griechenland werde im kommenden Monat seine Zahlungen an den Internationalen Währungsfonds (IWF) einstellen. Tags zuvor hatte bereits Finanzminister Yanis Varoufakis erklärt, wenn das Geld zur Neige gehe, werde die Regierung mit Vorrang Renten und Gehälter bezahlen. Der Schuldendienst müsse dann zurückgestellt werden: „Ich ziehe es vor, gegenüber dem IWF pleite zu gehen als gegenüber den Rentnern.“ Das ist Populismus in Vollendung, zugleich aber ein Spiel mit dem Feuer: Denn versäumt Athen tatsächlich seine nächste Zahlung an den IWF, wäre das der erste Schritt auf dem wahrscheinlich unumkehrbaren Weg in den Staatsbankrott.

Kommentare zu " Happyend in Riga?: Tsipras – Griechenlands neuer Merkelist"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Ich verstehe nicht, wieso man die Griechen unbedingt im Euro halten will. Natürlich macht deren Regierung keinerlei Konzessionen - warum auch. Frau Merkel verfügt mal soeben, dass unser Solidaritätszuschlag künftig nach Griechenland zu fließen hat, wegen der "europäischen Solidarität" (die Grünen sagten schon beim 1. Rettungspaket 2010, dass Griechenland dauerhaft mindestens 5% ihres BSP als Zuschuss benötigen, weil sie nicht zum Sparen geboren seien...). Die Portugiesen, Iren und Spanier fühlen sich nach all den schmerzhaften Reformen von ihren Regierungen komplett an der Nase herumgeführt und werden künftig stramm links wählen. Die Deutschen blicken auf ihre marode Infrastruktur, die Schuldenbremse, die Energiewende und wundern sich. Kein Wunder, dass der NSA Merkel überwacht! Wenn dann weitere Länder das griechische Modell attraktiv finden: Wie hoch müssen bei uns die Steuersätze steigen, damit wir uns neben dem Milliardengrab Energiewende diese alternativlose Europolitik leisten können? Klartext: Wenn Frau Merkel - unter welchem Vorwand auch immer - eine weitere Dauerzahllast pro GR kreiiert und so endlich zugibt, dass sie unbedingt eine Schulden-Union will (genauso wie Brüssel), sind für mich pro-Euro-Parteien unwählbar. Wir dachten, die Linken scherzten nach der Wahl, als sie lt Medien flapsig sagten: "egal, was gesagt und gedruckt werden wird; die Deutschen zahlen." Frau Merkel, sie wurden gewählt, um für das Wohl Deutschlands Sorge zu tragen - vergessen?

  • Und was kostet den deutschen Steuerzahler wieder dieser verlogene neue Friede-Freude-Eiertanz zwischen dem Heuchler Tsipras und unserer gottgleichen Kanzlerin?

  • Ja ich lese es immmer wieder: Griechenland ist auf einem guten Weg. Die Administration den Finanzministers hat sogar ein weiteres Wahlversprechen "kraftvoll" wahgemacht: von rund 3000 mutmaßlichen Steuerbetrügern auf der IWF-CD hat man in Athen schon etwa 50 (in Worten Fünfzig) bearbeitet.
    Was dabei herausgekommen ist? Bisher habe ich da keinerlei informationen im blätterwald gelesen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%