Harter Sparkurs
„Wir sitzen alle in einem Boot“

20 Jahre nach Maggie Thatcher hat in Großbritannien eine neue Revolution begonnen. Losgetreten wird sie von einem ungewöhnlichen Politiker-Gespann: Premierminister Cameron und Finanzminister Osborne verordnen ihrem Land den rigidesten Sparkurs der modernen Wirtschaftsgeschichte. Von Einschnitten verschont bleibt niemand.
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HB. Das konservative Duo macht Ernst mit dem Sparen und dem Vorsatz, daran alle Gesellschaftsschichten zu beteiligen. Nicht einmal vor der Queen schrecken sie zurück. Mit 14 Prozent weniger Geld muss Elisabeth II. ab dem Jahr 2012 auskommen.

20 Jahre nach der Eisernen Lady Maggie Thatcher hat auf der Insel erneut eine Revolution begonnen, losgetreten von einem der ungewöhnlichsten Politiker-Gespanne der vergangenen Jahrzehnte. Cameron und Osborne sind keine Rivalen, sondern Freunde, seitdem sie 2001 gemeinsam ins Parlament eingezogen sind. Sie verkörpern eine Generation von Konservativen, die von Fairness und Gemeinsinn redet, nicht vom Recht des Stärkeren oder den Urkräften des Marktes. "There is no such thing as society" - "Es gibt keine solche Sache wie ,die Gesellschaft?", das war der Kriegsschrei von Thatcher. Cameron dagegen propagiert die Idee der "big society" - einer Gesellschaft mit viel Bürgersinn und gemeinschaftlicher Verantwortung.

Zum Auftakt ihrer Regierungszeit haben die Tabubrecher ihrem Land nun das härteste Sparpaket der modernen Wirtschaftsgeschichte verordnet: Das riesige Haushaltsdefizit, das derzeit bei gut zehn Prozent der Wirtschaftsleistung und damit rund 50 Prozent über der deutschen Vergleichszahl liegt, soll bis zur nächsten Wahl nahezu verschwunden sein. Um 83 Mrd. Pfund (94 Mrd. Euro) will die Regierung die Staatsausgaben reduzieren, zugleich werden die Steuern spürbar steigen.

Im öffentlichen Dienst wollen Cameron und Osborne 490 000 Stellen streichen; dutzende Behörden werden zusammengelegt oder komplett abgeschafft. Die britischen Streitkräfte verlieren einen von zwei Flugzeugträgern und müssen auf 40 Prozent ihrer Panzer verzichten. Insgesamt werden bei Streitkräften und im Verteidigungsministerium 42 000 Stellen gestrichen. Das Renteneintrittsalter soll bis 2020 - vier Jahre schneller als geplant - von 65 auf 66 Jahre steigen. Das Kindergeld für Besserverdienende wird gestrichen, die Studiengebühren drastisch angehoben. Allein die Sozialausgaben werden um 18 Mrd. Pfund (20,4 Mrd. Euro) gekürzt. Das entspricht elf Prozent des Sozialetats.

Der Premier wagt sich als erster Europäer an einen radikalen Umbau des Sozialstaats. "Was in Großbritannien geschieht, ist mutig und wichtig", lobt Weltbankchef Robert Zoellick den harten Kurs der Regierung. Doch Cameron und Osborne geht es nicht allein ums Sparen. Sie wollen den Sozialstaat, so wie er sich in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat, neu erfinden. Im Zentrum steht eine Neudefinition des Begriffs "Fairness": "Unfair", sagte Cameron, "ist nicht nur die Benachteiligung der Ärmsten, sondern auch die Belastung der Staatsbürger, die mit ihren Steuern den ausufernden Sozialstaat finanzieren."

Das Verblüffende: Die Briten bleiben gelassen. Die Meinungsumfragen sind positiv.

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