Hartes Urteil gegen Putin-kritische Musiker
Zwei Jahre Straflager für Pussy Riot

Ein Moskauer Gericht hat die Musikerinnen der Punkband Pussy Riot schuldig gesprochen. Das Strafmaß lautet zwei Jahre Lagerhaft. Vor dem Urteilsspruch ist es zu Demonstrationen vor dem Gerichtsgebäude gekommen.
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Moskau/BerlinKeine Gnade für Putin-Gegner: Nach ihrem Protest gegen Kremlchef Wladimir Putin in einer Kirche müssen drei Frauen der Skandal-Punkband Pussy Riot ins Straflager. In dem international umstrittenen Strafprozess begründete Richterin Marina Syrowa die Verurteilung zu je zwei Jahren Haft am Freitag in Moskau mit Rowdytum aus religiösem Hass. Die Bundesregierung, die EU und die USA kritisierten den Schuldspruch scharf.

Die Richterin bezeichnete bei der Verlesung des Strafmaßes das Vorgehen der Frauen in der Kirche als Blasphemie und Sakrileg.

Der Moskauer Schuldspruch gegen die Punkerinnen von Pussy Riot hat im Internet eine Welle der Empörung ausgelöst. Von Russland über Europa bis in die USA und Australien machten Nutzer von Sozialen Netzwerken ihrem Unverständnis Luft. Aufmerksam beobachtet wurde die Verlesung des Urteils von deutschen Politikern. Vor Ort mit dabei war die Grünen-Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck, die über Twitter schrieb: „Im Gericht stehen sich das schöne, moderne und das muffige alte SU Russland gegenüber.“

Die in der Ukraine geborene Piraten-Politikerin Marina Weisband twitterte: „Warum müssen wir uns für dieses #PussyRiot-Urteil interessieren? Damit wir sehen, wofür ein Rechtsstaat da ist und damit wir ihn schützen.“

In Paris wandte sich ein Twitter-Nutzer mit dem Ruf nach Moskau: „Hallo Russland, hier ist das 21. Jahrhundert!“ In einer Facebook-Gruppe zugunsten des Punk-Kollektivs schrieb eine Nutzerin aus Puerto Rico, Pussy Riot habe der ganzen Welt gezeigt, wie es um die Menschenrechte in Russland bestellt sei.

Bundeskanzlerin Merkel äußerte sich besorgt über das Urteil. „Den Prozess gegen Mitglieder der Band Pussy Riot habe ich mit Besorgnis verfolgt. Das unverhältnismäßig harte Urteil steht nicht im Einklang mit den europäischen Werten von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, zu denen sich Russland u.a. als Mitglied des Europarates bekannt hat," sagte die Kanzlerin.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat den Richterspruch gegen die russische Punkband Pussy Riot ebenfalls scharf kritisiert. „Das harte Urteil steht in meinen Augen in keinem Verhältnis zur Aktion der Musikgruppe“, sagte Westerwelle dem „Tagesspiegel“. Er sei „besorgt darüber, welche Auswirkungen die Strafe gegen die drei Musikerinnen für die Entwicklung und Freiheit der russischen Zivilgesellschaft insgesamt hat“. Die Freiheit von engagierten Künstlern, sich zu artikulieren, sollte Teil jeder lebendigen demokratischen Gesellschaft sein.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz, hat Kreml-Chef Wladimir Putin für das Urteil gegen die Punkband Pussy Riot persönlich verantwortlich gemacht. „Das ist Putins Prozess gewesen. Es ist Putins Urteil. Und es ist ein Urteil, das jeder Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit hohnspricht“, sagte der CDU-Politiker am Freitag in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Polenz wertete die jeweils zweijährigen Haftstrafen für die drei Musikerinnen auch als Beweis dafür, „dass Putins Russland verunsichert ist“. Mit dem Urteil solle die Opposition abgeschreckt werden. Diese Rechnung werde aber nicht aufgehen. Für alle, die sich über Putin noch Illusionen gemacht hätten, bedeute dies eine „Ernüchterung“. „Das wird auch auf das Bild, das sich die Deutschen von Putin machen, wie ein realistischer Schock wirken.“

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  • Das ist eine unverschaemte behauptung: NIE haette eine punkband die in der Oranienburger str. aufgetreten waere, 2 jahre bekaommen. Dazu muss man nur unser strafgesetz lesen. Fuer Hausfriedensbruch (es war uebrigens KEINE Beleidigung von Jesus un Maria im Spiel, im Gegenteil, Maria wird aufgerufen dabei zu helfen, Putin zu entmachten) gibt es bei uns Geldstrafe oder ein paar St. gemeinnuetziger Arbeit.

  • Einfach mal runterfahren und die Kirche im Dorf lassen! Ich bin alles andere als ein Freund der Kirche (im Gegenteil!), aber ich käme nie auf die Idee, in einem christlichen, moslemischen oder jüdischen Gotteshaus zu randalieren und, mit Verlaub, die wilde Sau rauszulassen.
    Das hier war eine "Störung der Religionsausübung" und ein massiver Hausfriedensbruch, beides strafbar. Das hätte auch hier zu einer Verurteilung geführt (besonders dann, wenn eine Synagoge ins Spiel kommt: Dann hätten alle unisono aufgeschrieen!).
    Über das Strafmaß mag man streiten, allerdings ist die deutsche Weichei-Justiz, die zu oft die Opfer verhöhnt und den (jugendlichen) Tätern einen Abenteuerurlaub in Patagonien spendiert, nicht bindend für die ganze Welt und in Russland werden Straftäter (sic! Und nichts anderes!) nun mal eben NICHT mit Glacé-Handschuhen angefaßt...

  • Diese Heuchelei ist ätzend und lächerlich. Das hätte mal eine Punkband bei uns in der Synagoge in der Oranienburger gemacht, die hätten mindestens 2 Jahre, wenn auch nicht Lagerhaft, gekriegt, und das Thema wäre für mehrere Wochen von den üblichen Betroffenheitsverdächtigen durch die Talkshows des zwangsalimentierten ÖR getragen worden. Leider kann man sich die Meinung die frei sein darf nicht aussuchen, liebe Wächter der PC

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