Heftiger Streit um Mordverdächtigen Lugowoi
„Großbritannien spuckt auf uns“

Die aufsehenerregende Wahl des russischen Ex- Geheimdienstmitarbeiters Andrej Lugowoi zum Abgeordneten der neuen Duma hat zu weiteren Spannungen zwischen Moskau und London geführt. Großbritanniens Botschafter sprach jetzt eine deutliche Warnung aus. Doch auch die Russen nehmen kein Blatt vor den Mund.

MOSKAU. „Wenn er auch nur einen Schritt aus Russland heraus macht, wird er verhaftet“, drohte Großbritanniens Botschafter in Moskau, Tony Brenton, vor wenigen Tagen für einen Diplomaten ungewöhnlich scharf. Die britische Justiz verdächtigt Lugowoi, mit dem Strahlengift Polonium den russischen Kremlkritiker Alexander Litwinenko vor einem Jahr in London ermordet zu haben. Moskau lehnt eine Auslieferung von Lugowoi ab, strebt aber auch kein eigenes Verfahren gegen ihn an.

„Es ist bedauerlich, dass ein Mordverdächtiger politische Anerkennung erfährt“, kritisiert Brenton. Lugowoi hingegen ist es Leid, sich immer wieder zu den Vorwürfen zu äußern, obwohl er früher sogar eigene Pressekonferenzen zu dem Fall gab. Nach seiner Darstellung stecken antirussische Kräfte im Westen wie der im Londoner Exil lebende Oligarch Boris Beresowski hinter der Tat. Beresowski habe den Fall immer wieder benutzt, um Russland an den Pranger zu stellen, hatte Lugowoi erklärt. Dagegen beschuldigt Beresowski den Kreml, den Mord in Auftrag gegeben zu haben.

Mitten im Streit um seine Auslieferung war der skandalumwitterte Lugowoi im September als ein Spitzenkandidat der Liberaldemokraten (LDPR) präsentiert worden. Der Leiter eines privaten Wachdienstes sei „ein echter Patriot“, hatte LDPR-Chef Wladimir Schirinowski, auch im Westen wegen seiner vulgären Ausfälle gegen politische Gegner bekannt, seine Wahl begründet. Mit dem bulligen Rechtspopulisten bildet der schmale Lugowoi nun ein bizarres Gespann, das optisch an die US-Klamauk-Mimen Stan Laurel und Oliver Hardy erinnern lässt.

Statt über den Mord an der Themse spricht der frisch gewählte Volksvertreter heute vor der Presse lieber über seine politischen Ziele - wenn er spricht. Meist redet Schirinowski. Dass London ihm ein Einreisevisum verweigere, sei „dreist“, schimpft der 61-Jährige: „Großbritannien spuckt auf uns.“ Lugowoi rückt bei solchen Attacken seinen blutroten Schlips gerade und schmunzelt. Nach Ansicht von Experten haben Schirinowskis brachiale Rhetorik und die britischen Vorwürfe gegen Lugowoi der LDPR bei der Wahl genutzt: Mit 8,14 Prozent der Stimmen errang sie 40 Mandate, vier mehr als 2003. „Viele Durchschnittsrussen schätzen Lugowoi als Mann, der einen Verräter aus dem Weg geräumt hat“, glaubt Meinungsforscher Waleri Fjodorow.

Lugowoi selbst formuliert es so: „Vor einem Jahr wusste niemand, wer ich bin - dann haben mich die Briten berühmt gemacht.“ Mit seiner Luxusuhr am linken Handgelenk und dem anthrazitfarbenen Sakko wirkt der 41-Jährige seriöser als mancher seiner 449 künftigen Duma- Kollegen - Schirinowski inklusive. Sowieso möchte Lugowoi nicht mehr in allzu direkte Verbindung mit dem Mord gebracht werden. Als ihm zum Beispiel die Moskauer Zeitung „Kommersant“ vor einiger Zeit die mysteriöse Tat anlastete, wurde sie von Lugowoi verklagt. Nun muss das Blatt dem Mann mit dem schütter werdenden Haupthaar rund 560 000 Euro zahlen - „wegen Rufschädigung“. Schirinowski wiederum kündigte in diesen Tagen seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl im März 2008 an.

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