Heikler Staatsbesuch

Merkel kommt ohne Geschenke

Erstmals seit Ausbruch der Krise reist Angela Merkel nach Griechenland. Empfangen wird die Kanzlerin mit rotem Teppich – und wütenden Protesten. Doch dass sie sich davon aus der Ruhe bringen lässt, ist unwahrscheinlich.
Update: 08.10.2012 - 17:45 Uhr 19 Kommentare
Bundeskanzlerin Angela Merkel und der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras bei einem Treffen vor zwei Monaten. Quelle: dapd

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras bei einem Treffen vor zwei Monaten.

(Foto: dapd)

Berlin/AthenScharfschützen auf den Dächern, dazu Froschmänner, 7.000 Polizisten, Wasserwerfer sowie abgeriegelte Straßen und Stadtbezirke: Das dürfte das Bild Athens sein, wenn an diesem Dienstag Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Hauptstadt des pleitebedrohten Landes kommt.

Im Büro des griechischen Regierungschefs Antonis Samaras brannte noch bis spät in die Nacht zum Montag das Licht. Die Beratungen zum wohl wichtigsten Besuch seit Jahren in Athen liefen das ganze Wochenende auf Hochtouren, berichten seine Mitarbeiter.

Athen erwartet von Merkel „zweimal Ja“, wie ein Mitarbeiter des Finanzministeriums am Montag sagte. Die Griechen wollen einerseits die Frist strecken, innerhalb derer die harten Sparmaßnahmen umgesetzt werden müssen. Andererseits erhoffen sie sich Anerkennung dafür, dass sie trotz zahlreicher Versäumnisse bei der Umsetzung des Sparpakts schon viel geleistet haben. Und vor allem: Die dringend benötigte nächste Hilfstranche von 31,5 Milliarden Euro müsse jetzt ausgezahlt werden.

Rentner und Arbeitslose hoffen, dass im Land endlich wieder investiert wird. „Fingerspitzengefühl ist jetzt gefragt“, meinen Diplomaten in Athen. Jedes Wort Merkels könnte von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des Landes sein. Von der Kanzlerin werde das politische Kunststück erwartet, sich von einem – wie es die Griechen sehen – Symbol sinnlosen Sparens zur Hoffnungsträgerin für eine bessere Zukunft zu wandeln.

Gewerkschaften und Opposition machen mobil, um mit ihren Protesten Merkel zu zeigen, was sie vom Sparprogramm halten. Ein Sprecher der stärksten Oppositionspartei Bündnis der radikalen Linken (Syriza) sagte, man werde „alles mobilisieren, was man auf die Straße bringen kann“. Auch Gewerkschaftsmitglieder machen keinen Hehl daraus, dass sie ihrer Wut am Dienstag Luft machen wollen.

Prominente Unterstützung bekommen die Protestler auch aus Deutschland. Linke-Chef Bernd Riexinger will nach Athen fliegen und gegen Angela Merkel demonstrieren, zudem eine Rede halten. Einen entsprechenden Bericht der „Stuttgarter Nachrichten“ bestätigte ein Parteisprecher am Dienstag. „Merkels Besuch in Athen verschärft die inneren Konflikte Griechenlands“, sagte Riexinger der Zeitung. „Ich werden in Athen unsere Solidarität mit den griechischen Arbeitnehmern und Rentnern versichern, die gegen die existenzbedrohenden Kürzungen ihrer Einkommen auf die Straße gehen.“

Zu Protesten kam es schon heute. Mehrere hundert griechische Rentner demonstrierten gegen die geplanten neuen Sparmaßnahmen der Regierung, die, so die Meinung vieler Griechen, von Deutschland und der Kanzlerin diktiert seien. Sie zogen vor die Büros der Europäischen Union in Athen und setzten eine EU-Flagge in Brand.

Griechische Presse sieht Merkels Besuch als Herausforderung
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

19 Kommentare zu "Heikler Staatsbesuch: Merkel kommt ohne Geschenke nach Athen"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wäre das nicht die Aufgabe eines Aussenministers gewesen, derartige Spannungen wie zwischen D und GR zu vermeiden?
    Unsere Alleinherrscherin übernimmt sich da offensichtlich beim Versuch alles allein zu machen. Aber die Presse wird trotzdem wieder voll des Lobes sein für "die ruhige Hand", aka aussitzen.
    Der Besuch kommt viel zu spät sodaß nur noch blanker Hass zu erwarten ist.

  • Das Gemecker nützt nichts.

    Prof.Sinn hat unser Problem mit 5 Worten treffend beschrieben:

    "Wir sitzen in der Falle".

    Die Falle verdanken wir "Helmut, dem Großen" und seinem "Mädchen".

    Wir können machen, was wir wollen, die Geldentwertung und unsere Enteignung sind schon da.

    Also schnell weg mit dem inflationären T€uro.
    Kauft meinetwegen Aktien (nach dem Crash), Edelmetalle und bezahlt Euro Hypotheken ab.

    Macht eine schöne Reise, vielleicht sogar nach Griechenland (schußsichere Weste nicht vergessen und nur englisch sprechen).

    Das nächste Auto so groß kaufen, daß man darin wohnen kann (spart Miete). Leben nach dem US-Squatter-System!

    Wer noch was übrig hat, sollte einen Acker kaufen.
    Bei uns hier im Westerwald spottbillig.

    Zurück in die Vergangenheit nach der 3.Währungsreform innerhalb 100 Jahren.

    Danke Kohl, danke Merkel.

  • Gute Idee, Dagmar.

  • Wir binden ihr ein hübsches, rotes Schleifchen um den Bauch und schon ist sie das Geschenk. Dieses Geschenk mache ich den Griechen von Herzen gern. ;-)

  • Richtig, wenn Sie im Kanzleramt sitzen würden, sollten Sie wirklich keinen Schritt vor die Tür zetzen.

  • Was heißt hier - ohne Geschenk-?
    „Die EZB erlässt ihre Mechanismen ohne demokratische Kontrolle. Der Bundestag musste dem ESM zustimmen,“ sagt der Ökonom. Und: „Die EZB kann unbegrenzt einkaufen, der ESM ist begrenzt.“ (Roland Vaubel von der Uni Mannheim)
    Weil betont: „Die Europäische Zentralbank kauft nur dann Staatsanleihen der Krisenländer, wenn die Länder unter dem Schutz des Hilfsprogramms stehen.“ (Zitate aus dem Handelsblatt :“Ist der neue Rettungsschirm nur ein Feigenblatt?“)
    Wenn die Fr.Merkel jetzt Griechenland einen ESM – Schutz anbieten sollte, gibt sie dem Land mehr oder weniger ein „Danaergeschenk“. Der Trick dabei ist : Die EZB kann unbegrenzt einkaufen, wenn (nur) die Länder unter dem ESM-Schutz stehen. Nicht geregelt scheint also : Die EZB kann theoretisch danach ohne weiteres mehr Schulden von einem Land einkaufen als das betreffende Land ESM- Schutz genießt. -Aber solche Geschenke sind in Griechenland seit dem trojanischen Krieg ja bestens bekannt. In erster Linie sind aber diejenigen die „Geleimten“, die neben der EZB den ESM Schirm zusätzlich stützen (also alle Steuerzahler der Eurozone).
    Wem und was diese Reise nützen soll, bleibt Fr. Merkels Geheimnis. Neben dem Eigentor des Kanzler-Kandidaten Steinbrück mit seinen Honoraren dürfte diese Reise jetzt zu einem Eigentor für die Kanzlerin selbst werden. Dann steht es 1:1 für die beiden Kanzlerkandidaten in der nächsten Wahl !

  • ohne Geschenke? Ich denke die 1,2 Bio die Deutschland insgesamt wg. EU verschuldet ist, zwei dicke Rettungspackete und ein Kapitálschnitt reichen.
    Es kann doch jetzt nur eines geben - im Bankengeschäft völlig normal: Hypothekenabsicherung!!!
    Geld nur gegen Insel! Wie bei uns: Hypothek nur gegen Grundschuld. Aber ich befürchte unsere Politiker kennen nicht einmal das kleine Einmaleins des Bankgeschäfts - aber immer mit flotten Sprüchen vorne mitmischen.

  • von mir aus kann Sie gleich dableiben!

    Anderersets ist jeder € für die Reise und die Sicherheitsmaßnahmen ein € zuviel (sparen soll doch die Devise lauten und tatsächlich könnte man so klein anfangen)....die Reise ändert nichts an der griechischen Situation und schon gar nicht hilft es dem Ansehen unseres Landes oder Dem der Merkel!

    Und wie bereits schon geschrieben wurde sollten sich UNSERE Representanten (insbesondere dieser linke Leuchtdiode)lieber um die Probleme und Herausforderungen hier zu Hause kümmern sollte, wo nächstes Jahr ggf. so mancher seine Stromrechnung nicht mehr bezahlen kann!!!

  • dem Kommentar von magrit kann ich großteils schon zustimmen, allerdings glauben einige Griechen es kann nicht mehr schlimmer kommen, aber das ist ein Irrtum: Ohne Hilfe, kein Strom, kein Benzin, sondern Eselskarren im Dunklen!

  • Wen meinen sie denn??????????????????????
    Weitsichtig ist eine Eule, naja sie sieht ja auch so aus.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%