Heinrich von Pierer
„China sollte sich stärker am Euro orientieren“

Heinrich von Pierer ist Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft (APA). Im Interview spricht er über seine Erwartungen an den China-Besuch der Kanzlerin.

Handelsblatt: Was sind Ihre Erwartungen an den China-Besuch der Kanzlerin?

Heinrich von Pierer: Ich finde es gut, dass die Bundeskanzlerin die Tradition ihrer Vorgänger aufnimmt. Helmut Kohl war ja der erste politische Türöffner in China. Dann kümmerte sich Gerhard Schröder sehr intensiv um das Land. Und dass nun die Bundeskanzlerin zu ihrer ersten China-Reise aufbricht, freut mich sehr. Gerade dort muss unsere Regierung Flagge zeigen. Und die große Beteiligung der Wirtschaft an der Reise macht ja deutlich: Unser Interesse ist riesengroß.

Welche Themen sollte die Kanzlerin in Peking ansprechen?

Ein Thema wird sicher das riesige und wachsende Handelsbilanzdefizit des Westens gegenüber China sein. Das ist eben längst nicht mehr nur ein Problem der USA, sondern inzwischen auch Europas. Allein das deutsche Defizit im China-Handel lag im vergangenen Jahr bei über 18 Mrd. Euro. Dabei spielt der weiter aufgewertete Euro sicher eine Rolle. Die Chinesen haben zwar den Yuan faktisch bereits ein Stück aufgewertet. Aber der Yuan ist überwiegend an den Dollar geknüpft, was europäische Exporte verteuert und sich zu unseren Ungunsten auswirkt. Das muss man ansprechen.

Was sollte Peking denn tun, um dies zu ändern?

Ich wäre dafür, den Währungskorb für den Yuan zu verändern und den Euro stärker zu gewichten. Das würde auch den Handelsströmen entsprechen. Und das wäre eine realistischere Währungspolitik. Die Chinesen in eine Ecke zu stellen bringt aber gar nichts.

Für wie ernst halten Sie das Problem der Produktpiraterie?

Das Thema beschäftigt in der Tat viele, vor allem im Mittelstand, aber auch Konzerne. China verfügt ja bereits über entsprechende Gesetze zum Schutz geistigen Eigentums. Entscheidend sind Anwendung und Praxis. Wir haben vorgeschlagen, dieses Thema im Rahmen des Rechtsstaatsdialogs anzusprechen und Hilfe anzubieten. Ein weiterer Punkt betrifft den Technologietransfer. Häufig wird von deutschen Firmen verlangt, etwa beim Bau von Anlagen, chinesischen Instituten detaillierte Planungen und Zeichnungen offen zu legen. Das ist ein kritischer Punkt.

Teilweise wird kritisiert, China spiele bei Reformen auf diesem Feld bewusst auf Zeit.

Den Eindruck habe ich nicht. Ich glaube, China ist sehr interessiert an einer hohen internationalen Reputation. Das stärkste Momentum für verbesserten Schutz geistigen Eigentums ist übrigens, dass immer mehr chinesische Firmen eigenes Know-how hervorbringen. Damit steigt ihr Eigeninteresse an wirksamem Schutz. Dafür bedarf es z.B. eines funktionierenden Patentwesens. Am besten wären wir beraten, zwar die krassesten Fälle von Diebstahl geistigen Eigentums zu benennen, aber ansonsten Hilfe beim Aufbau einer funktionierenden Verwaltung anzubieten.

Also sind Sie gegen einen härteren Kurs gegenüber Peking?

Mit dem erhobenen Zeigefinger erreicht man in der Regel wenig. Das Wort Dialog ist sehr wichtig. Man muss etwa die Frage nach dem Beitritt Chinas zum so genannten „government procurement agreement“ der WTO stellen. Da haben sich die Chinesen noch nicht festgelegt. Das würde den Umgang mit staatlichen Vorgaben, wie etwa einem 70-Prozent-Anteil nationaler Lieferungen bei öffentlichen Großprojekten, erleichtern und verändern.

Sind Sie denn zufrieden mit der bilateralen wirtschaftlichen Zusammenarbeit?

Es gibt immer Verbesserungsmöglichkeiten: Etwa wünsche ich mir, dass Chinesen – sowohl Privatpersonen als auch Firmen – Mitglied der Auslandshandelskammern (AHK) werden können. Immerhin gibt es mittlerweile 2 000 deutsche Firmen, die in China produzieren. In anderen Ländern hat die beiderseitige Mitgliedschaft in den AHK zu einem großen Aufschwung der bilateralen Zusammenarbeit geführt.

Das Gespräch führte Andreas Rinke.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%