Heißer Tee und wärmende Filzstiefel
Ukraine: Die Logistik einer Revolution

Durch Menschenketten tausender Oppositioneller wird seit Freitagmorgen die Arbeit der ukrainischen Regierung lahm gelegt. Premier Viktor Janukowitsch, der nach massiven Wahlfälschungen zum Sieger der Präsidenten-Stichwahl ausgerufen wurde, musste bereits ein Treffen mit EU-Botschaftern absagen – er kam nicht in seinen Amtssitz.

HB KIEW. “Platz, macht Platz!” gellen Rufe durch die Eingangshalle des Ukraine-Hauses. Schwer bepackt mit Kartons voller Lebensmittel bahnen sich drei Männer den Weg durch eine frierende Menschenmasse. Lebensmittelspenden für die Demonstranten auf Kiews Unabhängigkeitsplatz kommen in Massen und werden von fleißigen Ameisen ins Logistik-Zentrum der Revolution geschleppt.

Das Ukraine-Haus ist ein weißmarmornes Monstrum, früher Lenin-Museum, heute eigentlich Kongress-Zentrum für öde Apparatschik-Versammlungen. Zumindest war das so bis in der Nacht zum Mittwoch. Da wurde es von Anhängern des ukrainischen Oppositionsführers, Viktor Juschtschenko, friedlich besetzt. Seither ist es der Stammsitz der ukrainischen Revolution.

An eine Heizung gelehnt dösen zwei Bergleute in Filzstiefeln mit Gummi-Übergaloschen im ersten Stock. Die ganze Nacht hatten sie mit Tausenden auf dem Platz der Unabhängigkeit ausgeharrt, um den Sieg ihres bereits zum “Volkspraesidenten” ausgerufenen Kandidaten Juschtschenko sicher zu stellen. Jetzt sind sie angesichts von zehn Grad Minus auf der Straße durchgefroren und müde. Nebenan sind Demonstranten noch in voller orangefarbener Demo-Montur auf duennen Schaumstoffplanen eingeschlafen. Schnarchen erfüllt die Etage und der strenge Geruch schweißiger Socken und langsam wieder nach dem Schneetreiben trocknender Wolle.

Ein Stockwerk darunter tobt die Logistik der Revolution: Links vom Eingang des mit den Heldenbildern der Oktoberrevolution von 1917 aus schwarzem Granit geschmückten Gebäudes registrieren sich aus der Provinz ankommende Oppositions-Gruppen. Bei Bedarf bekommen sie Mitwohngelegenheiten in Kiewer Wohnungen, die die Bürger der Hauptstadt reichlich zur Verfuegung stellen.

Rechts an den Ständen stapeln sich Berge von Wolldecken, Socken, Winterjacken und gefütterten Walenki-Filzstiefeln. Drei Plastiktüten mit Handschuhen bringt ein Ehepaar um die 40 in den marmornen Bau der jetzt der Novemberrevolution dient: „Die Handschuhe haben wir eben gekauft, wir wollen sie spenden“, sagt Olexander. „Wir müssen alles für unser Volk tun. Sonst wird die Ukraine so wie Russland oder Weißrussland“, sagt Olga, seine Frau. „So wollen wir nie mehr leben“, fügt sie hinzu. Andre schmieren derweil Brote mit gespendetem Käse oder brühen den von Kiewern gebrachten Tee für die frierenden Demonstranten auf.

Das Volk kündigt den Machthabern die Gefolgschaft auf

Hinten in dem gigantischen runden Saal hat ein weißgewandeter Priester einen Tisch mit rotbesticktem Leinentuch, zwei Kerzen, Kreuz und goldzieselierter Bibel zum Altar ausgebaut. Er reckt seine Arme hoch und betet für die im Halbkreis um ihn singend versammelten “Hospodi pomiluj” – Herr vergib und hilf uns.

Gottes Hilfe wird die Opposition aber inzwischen wohl nur noch dafür brauchen, dass es nicht zum Einsatz von Gewalt kommt. Denn die tagelangen Massendemonstrationen in allen Teilen des Landes haben inzwischen selbst nach offiziellen Regierungsangaben die Arbeit der Verwaltungen paralysiert. Selbst die bisher staatlich gelenkten Fernsehstationen berichten inzwischen objektiv über die Lage im Land, laden Oppositionelle in ihre Sendungen ein und haben dem herrschenden Clan um Noch-Präsident Leonid Kutschma und Premier Janukowitsch die Gefolgschaft aufgekündigt. Das Volk strömt weiter auf die Demos und stimmt so mit Füßen ab – gegen die Machthaber und fuer den neuen Praesidenten Juschtschenko.

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