Hilfsorganisationen schlagen Alarm
In Griechenland droht ein neues Flüchtlingschaos

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Ärzte ohne Grenzen schlägt Alarm

Jetzt schlägt auch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) Alarm. In einem offenen Brief an Ministerpräsident Alexis Tsipras spricht die Organisation von einem „Notstand“ auf den Inseln. Damit sind nicht nur die unzureichenden Unterbringungsmöglichkeiten und die hygienischen Missstände gemeint. Ärzte ohne Grenzen ist auch zunehmend besorgt über den „dramatisch schlechten seelischen Gesundheitszustand“ vieler Flüchtlinge. „Diese Menschen haben Bombardements, extreme Gewalt und traumatische Erfahrungen in ihren Heimatländern und auf der Flucht nach Europa erlebt“, sagt Jayne Grimes, die das psychosoziale Programm von Ärzte ohne Grenzen auf der Insel Samos leitet. „Doch es sind die Lebensumstände auf den griechischen Inseln, die sie in Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und selbstverletzendes Verhalten treiben.“ Grimes: „Es ist eine Schande. Jeden Tag behandeln unsere Teams Patienten, die ihnen sagen, dass sie lieber in ihren Heimatländern gestorben wären, als hier gefangen zu sein.“

Ärzte ohne Grenzen berichtet von einem 41-jährigen Syrer, der in einem Gefängnis in seiner Heimat schwer gefoltert wurde, bevor er über die Türkei nach Griechenland fliehen konnte. Als er auf Lesbos eine Klinik aufsuchte, sagte man ihm dort, die Wartezeit für einen Termin beim Psychiater der Klinik betrage acht Monate. „Als ich das hörte, wäre ich am liebsten gestorben“, sagt der Mann. Während des Sommers kamen pro Woche fast täglich neue Patienten nach Selbstmordversuchen, Vorfällen von Selbstverletzung oder psychotischen Episoden mit akutem Behandlungsbedarf in die Klinik von Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos. Das Hospital wurde 2015 eröffnet und bot anfangs primäre Gesundheitsversorgung für Asylsuchende, konzentriert sich aber inzwischen auf Überlebende von Folter, Opfer sexueller Gewalt und Patienten mit schweren psychischen Störungen.

Louise Roland-Gosselin von Ärzte ohne Grenzen sieht nicht nur die griechische Regierung, sondern auch die EU in der Verantwortung. Sie fordert, die Internierung der Menschen auf den Inseln zu beenden. Es sei „ein humanitärer Imperativ, die Menschen auf das Festland zu bringen“, wo sie besser versorgt werden können, sagt Roland-Gosselin. „Die extreme Verletzlichkeit der Menschen und das komplette Versagen aller Ankunftssysteme auf den Inseln lassen keine andere Maßnahme zu“, so die Ärztin.

Doch nach den Regeln der EU-Asylverfahren müssen die Ankömmlinge so lange auf den Inseln bleiben, bis über ihre Anträge entschieden ist. Wer Asyl bekommt, darf aufs Festland weiterreisen; wer abgelehnt wird, muss damit rechnen, in die Türkei zurückgeschickt zu werden. Nach Angaben der griechischen Asylbehörde vom Mittwoch sind zurzeit etwa 10.000 Asylverfahren auf den Inseln anhängig.

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Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa

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  • Ein Nachtrag noch: Wirtschaft & Management, Politik und Staatsdienst können da gerne anderer Auffassung sein, nur gilt für viele dort die Besitzstandswahrung, direkt oder indirekt durch abartige, unverständl. Vertragsklauseln für Missmanagement etc., außerpolitische Neben- Nachtätigkeiten sowie Beamtenverträge, die sich mit allerlei rhetorische Rechtfertigungen dem finanziellen Desaster "grundsätzlich" druch Privatisierung entziehen können (finanziell, medizinisch, sozial). Das fehlt dem normalen AN, dank ausgeklügelten Restriktionen, grundsätzlich, wenn deren gemeinschaftl. Rücklagen (Steuer, Sozialabgaben, Verischerungen) ständig zweckentfremdet werden. Die die nicht mitbestimmen, dürfen dafür ohnmächtig die höchste Belastung und tlw. sogar zunehmende Geringschätzung in ihrem Alltag erfahren, weit unter Beitragsbemessungsgrenzen oder einheitl. Bürgerversicherung. So gewinnt man keine Akzeptanz, so verliert man sie und um das zu erkennen sind weder Abitur noch Studium nötig, aber zur Lösungen des Problems wohl, da helfen dann sicher keine "korrigierten" Lebensläufe die politisches Unvermögen wiederspiegeln um einen Bundestags- und Fraktionssessel anzuwärmen oder bürgerliche Hemdsärmeligkeit ausrufen. jm2c

  • Das war vorherzusehen, das wurde vorhergesagt, die Dauerkrise ist Fakt. Nur die falschen, gutgemeinten (Kurz-)schlüsse die die Flüchtlingsindustrie und die lethargische Politik ziehen, werden die Krise in ein gewaltiges Ausmaß katapultieren.
    Das Elend der Welt wird nicht in Europa entschieden, egal ob das Hilfsorganisationen oder naive Politiker und Bürger so sehen wollen.

    Die Flüchtlingshilfe kommt mit ihren Notlügen nicht an einem europäischen Einwanderungsgesetz vorbei, das der Bürger und nur der mit seiner Steuerbelastung, bestimmt und mitgestaltet und zwar in Form von Volksabstimmungen europaweit, d.h. auch in der BRD.

    Wer das weiter ignoriert, wird die Wahlergebnisse vom 25. September 2017 als Spitze des Eisberges betiteln können bei den nächsten Wahlen zuzügl. EU. Der bisherige Zuspruch, d.h. Verzicht und Alltagsprobleme der Versorgung (beruflich, medizinisch, sozial) für die immensen, immer wieder verschleierten Kosten auf 20 -30 Jahre für Integration, Migration und Sozialisierung wird immer weniger werden. Das ist bekannt, statistisch erwiesen und wenn weiter politisch und idelogisch herumgeträumt wird, mit Elendsbildern die das schlechte Gewissen des Bürgers erweichen sollen, mit Oberlehrerflosklen die Mitverantwortung zuweisen, den Flüchtlingen und Migranten aber keine Forderungen und Einschränkungen abverlangt werden, wird Europas Bürgertum weiter gegensteuern.

    Eins wollen wir bitte mal feststellen, keine Länder wie die orientalischen hinken derart lernresistent und primär in ihren säkkularen Reformen hinterher, wie andere unterentwickelte Landstriche auf der Welt. Die einzige Lösung ist immer noch Hilfe zur Selbsthilfe, Geburtenregelung, Mikrokredite, wirtschaftl. Unterstützung regionsfremder Industrie (Gewächshäuser 2.0, Mikrochips etc.), finanzielle Eindämmung der Diktatoren und politische Aufklärung/UN-Schutz der betroffenen Länder, Erhöhung der finanziellen Unterstützung der WNHO/UNO-Lager mit prozentualer Koppelung an Rüstungsexporten. jm2c

  • Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Die Flüchtlinge kommen aus der Türkei. Dort kann man in relativer Sicherheit und Stabilität leben. Mit Unterstützung der EU. Warum sollten wir diese Flüchtlinge unterstützen. Sie kosten uns in der EU ein Vielfaches und nutzen uns leider überhaupt nicht. Nicht die ersten 5 Jahre, nicht die ersten 10 Jahre, die meisten werden uns ihr ganzes Leben nur Geld kosten. Das Griechenland-Türkei-Abkommen regelt diese Fälle außerdem: Wer aus der Türkei kommt, hat KEIN Recht in der EU zu bleiben.

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