Hinrichtungen in Saudi-Arabien
Die Klingen Arabiens

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„Die bekommen ihre gerechte Strafe“

Mord, Vergewaltigung, Hochverrat, schwerer Raub, aber auch Drogenhandel und sogar Hexerei können in dem ultraorthodoxen Gottesstaat mit dem Tode bestraft werden. Eine Woche später wurde auf dem gleichen Al-Safah-Platz in Riyadh ein Saudi öffentlich enthauptet, „weil er eine große Menge an Haschisch und Amphetamine ins Land schmuggeln wollte“, wie das Innenministerium mitteilte. Für Amnesty International erfüllen saudische Strafprozesse nicht die Mindeststandards eines fairen Verfahrens. Angeklagten werden Strafverteidiger verweigert, Geständnisse durch Folter erpresst und die Beschuldigten dann einzig aufgrund dieser Geständnisse zum Tode verurteilt. Auch existiert kein allgemein codiertes Recht, entsprechend willkürlich und krass unterschiedlich fallen die Scharia-Urteile aus. „Der Einsatz der Todesstrafe in Saudi-Arabien ist so entfernt von irgendeinem Rechtsstandard, dass man es kaum glauben kann“, urteilt Said Boumedouha, Vize-Direktor des Nahost- und Nordafrika-Programms von Amnesty International.

Die Zuschauer auf dem Al-Safah-Platz haben für diese Bedenken kein Verständnis, die sie als typisch westliche Bevormundung empfinden. „Leute wissen, wo sie bei uns dran sind. Sie bekommen ihre gerechte Strafe – das dient der Sicherheit unseres Landes“, sagt ein fülliger Saudi in traditioneller Kleidung. Ein älterer Herr mit schütterem Haar, abgewetztem Trainingsanzug und goldfarbenen Brillengestell gesellt sich dazu. „Ich bin undercover hier“, kokettiert der 66-Jährige in makellosem Englisch.

Seinen Vornamen gibt er mit Aziz an und stellt sich als pensionierter Geheimdienst-General vor, der ganz in der Nähe wohne. 42 Jahre lang war er Agent, spezialisiert auf das Entschärfen von Bomben, wie er sagt, zuletzt arbeitete er als Dozent bei der Staatssicherheit. In den achtziger Jahren als junger Leutnant habe er saudische Geldkoffer eigenhändig nach Afghanistan zu Osama bin Laden und dessen Gefolgsleuten gebracht. „Ich habe alle Terroristen gekannt“, brüstet er sich. Damals im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer züchteten die Saudis die erste Generation arabischer Gotteskrieger heran. Drei Jahrzehnte später steht das superreiche Königreich nun selbst im Visier der Extremisten – und fliegt Seite an Seite mit den Vereinigten Staaten Luftangriffe gegen die blutrünstigen Fanatiker des „Islamische Kalifat“.

Parallelen zwischen der offiziell lizensierten archaischen Strafpraxis der saudischen Monarchie und ihren Nachahmern vom „Islamischen Kalifat“, die bisher vier westlichen Geiseln vor laufender Kamera die Köpfe abschnitten, wollen Geheimdienstveteran Aziz und andere Umstehende nicht gelten lassen. „Was IS macht, sind Verbrechen, was wir tun, geschieht nach Recht und Gesetz des Islam“, deklamieren sie. Außerdem seien Enthauptungen humaner und weniger qualvoll als Giftspritze oder elektrischer Stuhl.

Faktisch jedoch unterscheidet sich die archaische Korandoktrin des selbsternannten Kalifen von Mosul kaum von dem, was in Freitagspredigten oder von staatlich besoldeten wahabitischen Religionsgelehrten Saudi-Arabiens zu hören ist. Die religiös-ideologischen Überzeugungen sind miteinander verwandt, beide Seiten praktizieren die gleichen barbarischen Scharia-Körperstrafen. Menschen werden ausgepeitscht, gekreuzigt, bekommen Gliedmaßen abgehakt oder mit einer Klinge den Kopf vom Rumpf geschlagen. Oppositionelle aus der 500.000-Einwohner-Stadt Raqqa, die als Zentrale des „Islamischen Staates“ in Syrien fungiert, berichten, alle zwölf Scharia-Richter seien Saudis. Die dortige Religionspolizei agiert nach saudischem Vorbild.

Kommentare zu " Hinrichtungen in Saudi-Arabien: Die Klingen Arabiens"

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  • Ich finde, der Bericht gibt die Situation recht gut wider. Leider ist bei vielen Relativierern die Unwissenheit groß. Auch ich gehörte zu den Menschen, die der beschriebenen religiösen Ideologie aus Unkenntnis einen Vertrauensvorschuss gab. Nach dem ich fast ein Jahr beruflich in der Region zu tun hatte und mich näher mit deren Historie beschäftigte, bin ich zur Überzeugung gelangt, dass wir es hier mit der größten Gefahr für eine freie und aufgeklärten Welt zu tun haben.
    Leider exportieren die reichen Golfstaaten ihre Gesinnung mit viel Geld in den Rest der Welt.

  • Ich sehe nicht, dass das Judentum per se mich als Nicht-Juden diskriminieren, zwangsbekehren oder sogar umbringen möchte.
    Auch in den Fundamenten der Religion, der Tora bzw. dem Pentateuch, finde ich das nicht.
    Sehr wohl finde ich aber dagegen zumindest Intoleranz im Wahhabismus Saudi Arabiens.

  • Mein Kommentar bezieht sich auf den Kommentator "Metz".

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