Hintergrund: Im Schatten des Dollar
G20-Länder proben die Harmonie

HB BERLIN. Es ist schwierig, bei der wachsenden Anzahl internationaler Gruppen mit den Bezeichnungen G7, G10 oder G20 noch den Überblick zu behalten. Dies mag auch der Grund dafür sein, dass das Treffen der Finanzminister und Notenbank-Chefs der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer - die "Gruppe der 20" (G20) - am Wochenende in der Hauptstadt Berlin ganz ohne Trubel ablief. Das spannendste Thema, die anhaltende Abwertung des Dollar im Vergleich zum Euro, stand offiziell gar nicht auf der Tagesordnung.

Das von Deutschland als Gastgeber veranstaltete Treffen war dennoch ein wichtiger Test für die internationale Gemeinschaft. Denn eines Tages könnte die bisher den Ton angebende Gruppe der acht klassischen Industrieländer (G8) zu einem Kreis anwachsen, in dem genau wie in der G20 künftige globale Schwergewichte wie China und Indien ebenfalls vertreten sind. Schließlich lässt sich schon heute kaum ein weltwirtschaftliches Problem ohne ihre Einbeziehung lösen.

Meister im Reden, ohne viel zu sagen

Politiker sind bekanntlich Meister im Reden, ohne viel zu sagen. In dieser Disziplin werden sie eigentlich nur von der Berufsgruppe der Notenbanker übertroffen. Wenn beide Spezies wie in Berlin aufeinander treffen - und dann auch noch zu "informellen Gesprächen" - ist mit rhetorischen Kunststücken zu rechnen. Als besondere Herausforderung erwies sich für die G20-Teilnehmer, den Absturz des Dollar zwischen den Zeilen zu kommentieren, ohne ihn in der Abschlusserklärung auch nur mit einem Wort zu erwähnen.

Das Ergebnis: Für gemeinsame Interventionen zur Aufwertung der US- Währung fand sich keine Mehrheit. Jede Region soll nun ihre eigenen Hausaufgaben machen, um unerwünschte Wechselkursschwankungen zu verhindern. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zeigte sich als Gast der G20 angriffslustig und forderte die USA mit deutlichen Worten zum Abbau ihres Doppeldefizits auf, das er als Hauptgrund für die Dollarschwäche ausmachte. US-Finanzminister John Snow nahm es gelassen und versprach Schröder beim Lunch: "Wir kümmern uns um das Defizit."

Unstimmigkeit blieb nicht aus

Bei aller Harmonie blieb manche Unstimmigkeit nicht aus. So hatte Argentinien seine Teilnahme an dem Treffen kurzfristig abgesagt. Von dem Land wird seit langem die Zustimmung zu einem Umschuldungsabkommen erwartet. Ein Verhaltenskodex bei Zahlungsschwierigkeiten, den die G20-Länder künftig anwenden wollen, war der argentinischen Delegation nicht ganz geheuer.

Überraschend kam das Thema Staatsschulden noch in einem anderen Zusammenhang zur Sprache: Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) und sein amerikanischer Amtskollege Snow verständigten sich unmittelbar vor Beginn des Treffens auf ein Kompromissmodell für einen weitgehenden Schuldenerlass des Irak, dem die meisten anderen Gläubiger-Länder sofort zustimmten. Zwar war dies kein Vorschlag im Namen der G20, doch der Durchbruch bei einem bisher umstrittenen internationalen Thema lässt sich durchaus als Beleg für die Effizienz des Treffens werten.

Im kommenden Jahr wird China die Präsidentschaft der G20 übernehmen und damit erstmals eine wichtige internationale Wirtschafts- und Finanzgruppe führen. Damit wächst die Verantwortung des Landes, sich an Vorgaben der Gruppe zu halten. Zu diesen zählt, die Koppelung der eigenen Währung an den Dollar zu lockern. Glückt auch diese Bewährungsprobe, hätte die "Gruppe der 20" einen weiteren großen Schritt nach vorn gemacht. Vielleicht sitzen also irgendwann nicht mehr die Finanzminister, sondern die Staats- und Regierungschefs am G20-Tisch. Mit Gesprächen ohne Trubel wäre es dann allerdings vorbei./

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