International
Hintergrund: Wer siegt im bettelarmen Land im Herzen Europas?

Das Land zwischen Donau und Don ist der größte Flächenstaat Europas, aber erst seit 13 Jahren unabhängig.

KIEW. Am 24. August 1991 wurde die Ukraine als unabhängig von der Sowjetunion ausgerufen, bei einer Volksabstimmung stimmten vier Monate später 90 Prozent der Ukrainer dafür. Wenige Tage darauf lösten die Präsidenten Rußlands, der Ukraine und Weißrußlands, Boris Jelzin, Leonid Krawtschuk und Stanislaw Schuschkewitsch die Sowjetunion auf und gründenten die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS).

Während die Ukraine derzeit GUS-Rekordhalter in Sachen Wirtschaftswachstum ist - mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 12,7 Prozent in den ersten zehn Monaten 2004 - bleibt sie ein bettelarmes Land: Das BIP war seit der Unabhängigkeit um fast zwei Drittel eingebrochen, erst seit 1999 wird wieder Wachstum verzeichnet.

Aber auch heute ist das für seine Stahl- und Kohleproduktion ebenso wie für seine reiche Weizenernte auf unendlichen Schwarzerde-Böden berühmte Land beim Pro-Kopf-BIP das Armenhaus Europas: Nur Moldawien und Albanien liegen noch dahinter. In der Ukraine beträgt die Mindestrente gerade einmal umgerechnet 54 Dollar. Bei 120 Dollar liegt der Durchschnittslohn laut staatlichem Statistikamt - im benachbarten Polen sind es 738 Dollar. Deshalb arbeiten etwa sieben der 47 Mill. Ukrainer im Ausland, die meisten in Rußland. Sie verdienen dort soviel wie 28 Prozent des BIP.

Zudem macht eine verheerende Statistik deutlich, wo das Land heute steht: Starben bei der Förderung von einer Million Tonnen Kohle 1989 durchschnittlich 1,54 Bergleute, so sind es 2002 schon fünf Kumpel - Tendenz steigend.

Historische Spaltung

Während die Maße der Ukrainer vom Reichtum nur träumen kann, beherrschen die Oligarchen genannten Großunternehmer die meisten Kohlegruben, Chemiekombinate, Stahlwerke, Maschinenbaür und Fernsehkanäle (siehe: Die verfeindeten Clans). Doch nicht nur das zerreißt das Land wie seine in blau und gelb geteilte Fahne. Das Land ist historisch gespalten in den Osten und den Westen. Denn das heutige Staatsgebiet der Ukraine war Jahrhunderte lang zwischen Litaün, Polen und Rußland umkämpft und gehörte ab dem 19. Jahrhundert fast vollständig zum zaristischen Rußland, während der Westen um die Stadt Lwiw (Lemberg) Teil der österreichisch-ungarischen K.u.K.-Monarchie war. Dort halten sich weiter europäische Werte, während der Osten wie Rußland das Zeitalter der Aufklärung verpaßt hat.

Zudem war die einst agrarische Ukraine - der Stalin durch die Kollektivierung und Ausrottung der Kulaken genannten Großbaürn eine Hungersnot und Millionen Tote bescherte - auch in der Landwirtschaft gespalten: Im östlichen Teil herrschte die Kollektivwirtschaft (Obschtschina) vor, während im Westen - vor allem in den Karpaten, in Galizien und Wolhynien - die Baürn frei waren. An die Stelle der Kollektiv-Landwirtschaft rückten später sowjetische Industriegiganten.

Noch nie hat ein Kandidat aus der West-Ukraine gewonnen

Das hat aber die Mentalität der Menschen stark geprägt und die Ukraine, die quasi als Niemandsland zwischen EU und Rußland mäandert und vor 18 Jahren mit dem Atomunfall in Tschernobyl die Welt in Atem hielt, gespalten. Aber diese Teilung des Landes, das stolz ist auf seine Kosaken-Vergangenheit, wird auch heute wieder politisch instrumentalisiert: Vor allem in der rußisch-sprachigen Ost-Ukraine um die Schlot- und Schacht-Regionen Donbaß (Donezk) und Dnjepropetrowsk zieht der Slogan von Premier Janukowitsch im Wahlkampf, daß Rußisch offiziell zweite Amtßprache werden solle und es eine rußische und ukrainische Doppel-Staatsbürgerschaft geben solle. So hat Janukowitsch im ersten Wahlgang seinen Widersacher im Osten deutlich geschlagen. Nur: Auch schon die beiden vorherigen, aus der Ostukraine stammenden Staatschefs hatten diese Versprechen gemacht, allerdings nie eingelöst.

Der West-Ukraine hingegen ist eine zu enge Anlehnung an Rußland suspekt. Zu tief sitzen die Erfahrungen mit der Sowjetmacht, die viele der eigenwilligen Westukrainer nach der Besetzung umgebracht haben. Dort im Westen holt Juschtschenko die Maße seiner Stimmen, in einzelnen Wahlkreisen bis zu 90 Prozent.

Chance für Juschtschenko

Doch in der West-Ukraine ist Juschtschenkos Potenzial damit fast ausgeschöpft, lag dort doch bereits beim ersten Urnengang die Wahlbeteiligung auf Rekordhoch. Denn viele Familien haben für ihre im Ausland schuftenden Männer, Söhne und Onkel mit abgestimmt. Im Osten hingegen war die Wahlbeteiligung zwar auch höher als gewöhnlich, aber trotz allen Drucks der Präsidenten-Administration nicht so hoch wie im Westen. Hier hat Premier Janukowitsch also nach Meinung von Wahlforschern noch Potenzial.

Juschtschenkos Vorteil dagegen ist, daß der beim ersten Urnengang auf Nummer drei gelandete Sozialistenchef Olexander Moros und andere unterlegene Kandidaten ihre Anhänger zur Stimmabgabe für den Oppositionsführer aufrufen. Und daß sich die Kommunisten nicht auf Janukowitsch festgelegt haben. Hinzu kommt, daß Juschtschenko beim ersten Durchlauf in 17 Provinzen gewonnen hat - in zwei mehr also, als bei früheren Wahlen der Kandidat aus dem Westen punkten konnte. Janukowitsch hingegen gewann nur in neun Regionen - dafür aber die im bevölkerungsreicheren Osten. Wahlforscher erwarten deshalb ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen - wenn die Machthaber die Wahlen nicht total fälschen sollten. Beispiele dafür aber gab es schon im ersten Wahlgang reichlich (siehe auch: Wie gefälscht wird).

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%