Historiker Ian Morris
„Kriege haben die Welt sicherer gemacht“

Es mag zynisch klingen, aber produktive Kriege haben unsere Welt über die Jahre sicherer und reicher gemacht. Für den Stanford-Historiker Ian Morris ist dies die Erkenntnis aus 10.000 Jahren Menschheitsgeschichte.
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Handelsblatt Online: Herr Morris, in Ihrem Buch unterscheiden Sie zwischen produktiven und unproduktiven Kriegen. Wollen Sie etwa provozieren?

Ian Morris: Ja, die Begrifflichkeiten sollen in der Tat Aufmerksamkeit erregen. Aber ich finde auch, dass sie durchaus treffend sind. Produktive Kriege sind Kriege, die unsere Welt größer, sicherer und wohlhabender gemacht haben. Bis zur Eiszeit hat es solche Kriege nicht gegeben. Lange Zeit kam die Menschheitsgeschichte ohne produktive Kriege aus, der Zerfall der Han-Dynastie und des Römischen Reiches sind Beispiele dafür. Ein Imperium, das unproduktive Kriege führt, zerfällt.

Kriege haben unsere Welt also besser gemacht – mit Verlaub: Ist das nicht ein merkwürdig zynischer Widerspruch?

Oh ja, mich haben die Ergebnisse ja selbst überrascht. Während meiner Recherche habe ich festgestellt, dass Krieg in der Menschheitsgeschichte immer eine treibende Kraft gewesen ist. Viele gute Dinge, die wir heute so haben – soziale Sicherungssysteme oder Zahnarzt-Dienstleistungen – sind das Resultat von Krieg. Klar, das klingt paradox. Fakt ist aber, dass Kriege unsere Welt sicherer und reicher gemacht haben.

Ich sehe ein, Krieg beeindruckt Sie offenbar. Aber können Sie mir noch ein bisschen deutlicher erklären, wie Kriege die Welt nun größer und sicherer gemacht haben?

Wenn eine Gruppe eine andere in einer kriegerischen Auseinandersetzung besiegt und unterwirft, ist das in der Geschichte immer hässlich gewesen. Was die Geschichte aber zeigt: Wenn eine Gruppe größer wird und komplexere Regierungsformen kreiert, versuchen die Führer als erstes nach innen hin eine friedliche Ordnung herzustellen. Es dauert eine lange Zeit, aber so werden Gesellschaften auf Dauer sicherer. Sie werden zunächst größer und dann sicherer. Damit Gesellschaften wachsen, muss es zunächst zu Krieg kommen. In den vergangenen 10.000 Jahren findet man kaum Beispiele, dass Gesellschaften größer wurden, ohne das es Kriege gab. Dass eine Gruppe freiwillig seine Souveränität aufgibt, um mit anderen zusammen zu wachsen, ist sehr selten. In diesem Sinne ist die Europäische Union eine große Ausnahme in der Geschichte und zu meiner These. Ich dachte als Kind immer, dass die EU ein unglaublich langweiliges Gebilde ist. Heute weiß ich: Langeweile ist gut.

Wie sähe denn eigentlich eine Welt aus, die nie einen Krieg erlebt hätte?

Recht langweilig. Es gäbe vermutlich ein paar Millionen Menschen auf der Welt. Wie in Jäger- und Sammlergesellschaften würden wir ständig von Ort zu Ort wandern, mit einer sehr niedrigen Lebenserwartung. Es wäre eine ganz andere Welt, als wie wir sie heute kennen.

Kommentare zu " Historiker Ian Morris: „Kriege haben die Welt sicherer gemacht“"

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  • Na dann hat Eric Hobsbawn wohl recht...

    Der 3. WK wird zwischen den USA und China ablaufen!

    http://www.stern.de/wirtschaft/news/maerkte/eric-hobsbawm-es-wird-blut-fliessen-viel-blut-700669.html

  • @ Ralph. Ich hoffe ihr Haus wird als erstes zerstört in diesem richtigen Krieg den Sie sich so sehr wünschen. Gehen Sie nach Syrien in die umkämpften Gebiete, aber nicht schummeln - schön da bleiben, denn nach ihrer Defintion gibt es ja gar keine richtigen Kriege sondern nur Veranstaltungen.

  • Stanford. Wenn ich das schon höre. So eine Müll kann auch nur aus dem Angelsächsichen Raum kommen, denn das sind die größten Kriegstreiber der Geschichte. Schotten, Iren, Spanier, Indianer, Niederländer, Franzosen, Inder, Deutsche, und jetzt die Araber: Die ganze Welt haben diese Kriegstreiber bekämpft und ins Joch gezwungen. Klar aus deren Sicht ist die Welt dadurch besser geworden. Aber dafür ist auch keine Kultur so verhasst wie dieser Angelsächische Haufen. Es gibt Staaten da müssen Sie um ihr Leben fürchten mit einem US oder UK Pass. Sicher nicht ganz zu Unrecht.

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