Hochschulsystem soll international wettbewerbsfähig werden
Frankreich drängt Elite-Unis zu Reformen

Sie duzen einander, auch wenn sie sich nicht kennen. Sie hieven sich gegenseitig in Führungspositionen, nur weil sie eine bestimmte Uni besucht haben. Sie bevölkern die meisten Vorstandsetagen und Ministerbüros Frankreichs. Die Absolventen der französischen Eliteuniversitäten, der so genannten „grandes écoles“, halten zusammen – und sie sind eine Klasse für sich.

PARIS. Aber ihr Monopol auf die Führung von Frankreichs Wirtschaft und Politik gerät unter Druck. „Die Bilanz unseres dualen Universitätssystems ist durchwachsen“, findet René Lasserre, Präsident der Universität von Cergy-Pontoise am Westrand von Paris und Mitglied der Hochschulrektorenkonferenz: „Die positive Selektion hat Frankreich zwar gutes Führungspersonal beschert, aber dafür wurde eine neue demokratische Führungskaste geschaffen. Zudem wurden die Universitäten und die Forschung geschwächt.“

Wegen der Eliteschulen hat Frankreichs Bildungssystem international an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Weil die „grandes écoles“ ihre Absolventen nur auf eine Karriere in der französischen Wirtschaft und Verwaltung trimmen, sind sie für Ausländer kaum attraktiv. Auch dominiert die Vorbereitung auf die Berufspraxis das Curriculum. „Forschungserfahrung hat dagegen fast kein Absolvent“, bemängelt Uni-Präsident Lasserre. Daher fallen Frankreichs Eliteinstitute gegenüber der Konkurrenz in den USA und Großbritannien stark ab.

Aber die Notwendigkeit macht der französischen Eliteausbildung Beine: „Es ist ein Reformprozess eingeleitet worden, der – so denke ich – unumkehrbar ist und die ,grandes écoles’ modernisieren wird.“ Ein Beispiel dafür ist die Verwaltungshochschule Ena (Ecole Nationale d’Administration). Auch wenn sie eine der jüngsten der fast 300 Kaderschmieden ist – die Ingenieursuni „Ecole Polytechnique“ wurde anno 1794 gegründet –, hat sie es in 58 Jahren Existenz zur prestigeträchtigsten Hochschule Frankreichs gebracht. Dass Staatspräsident Jacques Chirac ebenso zu ihren Absolventen zählt wie Michel Pébereau, Präsident von Frankreichs größter Bank BNP Paribas, versteht sich fast von selbst.

Mehr Praxiserfahrung in Unternehmen und im Ausland sollen die Ena-Studenten künftig machen. Dazu wurde der Sitz der Hochschule vor wenigen Wochen endgültig von Paris nach Straßburg verlegt – um zumindest symbolisch die Distanz zum Establishment in Paris zu vergrößern. Und das Institut d’Etudes Politiques (IEP) in Paris, dessen dreijähriges Studienprogramm zahlreiche „Enarchen“ zur Vorbereitung auf die knifflige Aufnahmeprüfung der Ena absolvieren, hat eine Studienplatzquote für Begabte aus sozialen Brennpunkten eingeführt. Der reformfreudige IEP-Chef Richard Descoings will zudem Studiengebühren einführen, die sich nach dem Einkommen der Eltern richten. Damit wollen sich die Eliteschulen gegen den Vorwurf wehren, sie trügen nur zur Selbstreproduktion der französischen Führungsschicht bei. Der Soziologe Pierre Bourdieu sprach 1989 von einer „Noblesse d’Etat“ und wies nach, dass kaum ein Jugendlicher den Sprung in die staatliche Führungsschicht schafft, wenn seine Eltern nicht ebenfalls die „grandes écoles“ besuchten.

Die Zahl der Ausgewählten ist gering: Nur etwa 100 000 der 2,2 Millionen Studenten schaffen es auf die „grandes écoles“. „Aber das ist zu wenig“, sagt Universitätspräsident Lasserre, „Wirtschaft und Gesellschaft brauchen mehr Spitzenkräfte.“ Doch die regulären Universitäten können Spitzenausbildung bisher kaum leisten. Das liegt auch an den üppigen Budgets der „grandes écoles“. Die Ecole Polytechnique bekommt für einen Studenten pro Jahr 38 000 Euro – in Cergy-Pontois hat Unipräsident Lasserre „gerade mal ein Zehntel davon“.

Die „grandes écoles“ gehören größtenteils direkt zu bestimmten Ministerien, die sich dort ihren zukünftigen Kader selbst ausbilden. Die Unis dagegen hängen vom Bildungsministerium ab. Das ist für seine Regelungswut berüchtigt: So bestimmt das Ministerium die Budgets der Unis bis ins Detail und teilt die Professoren zu. Bildungsminister Luc Ferry hat den normalen Unis „mehr Flexibilität“ versprochen. Aber das Gesetz hat Ferry erst einmal auf die Zeit nach den Regionalwahlen im Frühjahr 2004 vertagt.

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