Höhere Kosten
Spanien liberalisiert Strommarkt

Spaniens Strommarkt ist seit der vergangenen Woche liberalisiert – doch statt sinkender Preise erwarten die Verbraucher zunächst höhere Kosten. Grund dafür ist, dass die Energiekonzerne wegen staatlich festgelegter Preisobergrenzen in der Vergangenheit nicht kostendeckend arbeiten konnten und Defizite anhäuften.

MADRID. Die Spanier stehen deshalb bei ihren Stromversorgern gewissermaßen mit fast 15 Mrd. Euro in der Kreide. Mit der Liberalisierung setzt Spanien eine EU-Richtlinie „über gemeinsame Vorschriften für den Elektrizitätsbinnenmarkt“ vom Juni 2003 um. Haushalte, Unternehmen und Landwirte können nun zwischen 27 verschiedenen Stromanbietern wählen. Der Staat legt künftig nur noch zwei Tarife fest: einen Basistarif für Verbraucher mit weniger als zehn Kilowatt Anschlussleistung, worunter fast alle der mehr als 20 Millionen Haushalte in Spanien fallen, sowie einen Sozialtarif für Bedürftige.

Weil die Regierung es aber vor der Liberalisierung über Jahre versäumt hat, die regulierten Tarife an die Produktionskosten anzupassen, lastet derzeit ein 15-Mrd.-Euro-Defizit auf den Versorgern. Da dieses vor allem seit Beginn der weltweiten Finanzkrise eine schwere Last für die Energieunternehmen bedeutet und ihr Kreditrating beeinträchtigt, soll die Verschuldung nun schrittweise bis Anfang 2013 über steigende Strompreise abgebaut werden. Erst dann werden die Preise die Kosten komplett decken.

Um die Finanzierung des Milliardenloches zu gewährleisten, wird das Defizit jetzt in staatlich garantierte Verbriefungen umgewandelt und in einem neuen Fonds auf den Markt gebracht. „Die Staatsgarantien für die Verbriefung des Defizits existieren schon, was uns erlaubt, zusätzlich zu geplanten Desinvestitionen unsere Verschuldung stark zu senken“, heißt es beim Versorger Iberdrola, der neben Endesa die Hauptlast am Defizit trägt.

In dieser Situation werden die Energieversorger den staatlich festlegten Basistarif für Geringverbraucher, der auf EU-Vorgaben basiert und Versorgungssicherheit garantieren soll, nicht unterbieten können. Für die Haushalte macht es entsprechend wenig Sinn, jetzt den Anbieter zu wechseln, obwohl der Basistarif nun nach den Vorgaben der Regierung um zwei Prozent angehoben und nach sechs Monaten erneut überprüft wird.

Wettbewerb zwischen den Versorgern herrscht dagegen bereits bei größeren Stromkunden wie Unternehmen oder Landwirten, die nicht auf den Basistarif zugreifen können. Iberdrola etwa bietet Abschläge von zwölf Prozent für Mittelständler, Kunden mit Nachttarifen und die Landwirtschaft an und eröffnet neue Kundenzentren im ganzen Land.

Einen Vorgeschmack darauf, wie der Strommarkt ab 2013 aussehen könnte, wenn das Defizit abgebaut ist, zeigt sich auf dem spanischen Gassektor. Der wurde vor genau einem Jahr liberalisiert, und dort sind die Anbieter aufgrund der niedrigen weltweiten Gaspreise inzwischen in der Lage, den staatlich festgelegten Basistarif zu unterbieten. Viele Haushalte haben ihren Gasanbieter schon gewechselt, wobei die Preisunterschiede bisher allerdings noch gering sind.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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