Die russische Kleinstadt Montschegorsk hat sich seit der Sowjetzeit kaum verändert. Noch immer blasen die Schlote der Nickel-verarbeitenden Industrieanlagen Kohlenstoffdioxid in den Himmel. Doch nun soll die Anschaffung neuer Anlagen für weniger Emissionen und mehr Effizienz und Produktivität sorgen – auf Kosten der rund 11 000 Beschäftigten.
Nickelproduktion bei Norilsk Nickel. Der größte Bergbaukonzern Russlands bringt auch abgelegenen Regionen Wohlstand. Doch es drohen Arbeitsplatzverluste. Foto: reuters
MONTSCHEGORSK. Im Herzen des Industriesauriers aus den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts tanzen meterhohe Flammen. Der Schichtführer lässt das glühende Nickel aus dem 1 500 Grad heißen Kessel vorsichtig in die bereitstehenden Formen fließen. Rund um die Uhr bearbeiten die Männer in der kleinen Industriestadt Montschegorsk oberhalb des Polarkreises Russlands Reichtum: Für den größten Bergbaukonzern des Landes, Norilsk Nickel, verfeinern sie das rohstoffreiche Gestein, das ihre Kollegen rund vier Autostunden durch die eisige Tundra entfernt dem Polarboden entreißen.
Montschegorsk auf der Kola-Halbinsel mit seinen rund 50 000 Einwohnern war einmal so etwas wie die „Hölle des Nordens“. Und nur allmählich verändert sich das Bild. Russland hat sich in den acht Jahren der Präsidentschaft von Präsident Wladimir Putin rasant verändert – doch die Region zeigt Beharrungsvermögen.
Zu Sowjetzeiten bliesen die Schlote der Kombinate in Montschegorsk jährlich allein 250 000 Tonnen Schwefeldioxid in den Himmel. Heute sind es „nur“ 40 000 Tonnen. Immer noch zu viel, aber im Rahmen der Gesetze, wie der Konzern beteuert. Die staatliche Kontrollbehörde Rostechnadzor hat das Unternehmen im vergangenen Jahr zu zusätzlichen Zahlungen verdonnert – wegen der Umweltverschmutzung. Alles soll sich ändern, verspricht der Generaldirektor der örtlichen Norilsk-Nickel-Tochter, Jewgenij Potapow.
Der 33-jährige Jurist und erklärte Putin-Fan strotzt vor Energie und Zuversicht. Für die Firma und für Russland. Er hat ein Modernisierungsprogramm vor der Brust, das nicht nur weniger Emissionen, sondern vor allem mehr Effizienz und Produktivität bringen soll. Von den derzeit rund 11 000 Beschäftigten an den zwei Standorten im hohen Norden, die für rund 40 Prozent der Nickelproduktion des Weltmarktführers sorgen, sollen die Hälfte abgebaut werden.
Sorgen darüber, was dies für die beiden betroffenen Städte Montschegorsk und Sapoljarnij bedeutet, wo rund jede dritte Familie von der Arbeit bei Norilsk Nickel abhängig ist, macht sich Potapow weniger. Die größte Herausforderung für den Konzern werde sein, in Zukunft die nötigen Fachkräfte zu finden, um die modernen Maschinen zu bedienen, die sie anschaffen wollen.
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Die Arbeitslosenquote in der Region liegt bei 2,8 Prozent. Örtliche Vermittlungsagenturen haben schon große Schwierigkeiten, den Bedarf an qualifiziertem Personal zu decken. Der Jobabbau werde vor allem über Pensionierungen erfolgen, erwartet Alexej Tolstych, der stellvertretende technische Direktor in Montschegorsk. Er wollte eigentlich nur drei Jahre bleiben, jetzt ist er schon 26 Jahre dabei. Damals, noch zu sowjetischen Zeiten, hatten Studienabsolventen keine großen Wahlmöglichkeiten: Der Staat schickte sie dorthin, wo er sie brauchte.
Und der Norden war attraktiv – noch heute haben die Arbeiter mehr Urlaub, bekommen die Rentner mit 4 700 Rubeln mehr als das doppelte an Pension im Vergleich zu Zentralrussland. Wer dann weiter im Werk „schafft“, macht noch einmal bis zu 5 000 Rubel (140 Euro) extra im Monat. In einer Stadt wie Montschegorsk lässt es sich damit leben.
Die 29-jährige Tatjana Sidorow ist nach zehn Jahren Abwesenheit, nach Studium und ersten Jobs, wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt und hat sich selbstständig gemacht. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Hier in Montschegorsk sei manches einfacher. Das Leben ist weniger teuer und anstrengend als in Städten wie St. Petersburg oder Moskau. Doch auch noch viel sowjetischer und vor allem langweiliger.
Die Stadt in der Tundra hat zwar eine weitgehend renovierte Hauptstraße mit Gebäuden aus der Stalinzeit. Doch Theater, Kino, Geschäfte und Cafes? Bis nach Murmansk – mit über 300 000 Einwohnern die größte Stadt in der Region – fährt man mit dem Auto zwei Stunden über schlechte Straßen. Die meisten jungen Leute, die zurückkämen, suchten schnelle Arbeitserfahrung und Geld, erzählt Sidorow. Um dann weiterzuziehen. Hier oben im dünn besiedelten Norden macht sich der negative Bevölkerungstrend in Russland besonders bemerkbar: Die Region hat seit 2001 gut sieben Prozent ihrer Einwohner verloren. Drogen sind ein Problem geworden – die örtlichen Behörden begründen dies mit den steigenden Einkommen.
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Norilsk Nickel hat im vergangenen Jahr die Löhne durchschnittlich von rund 620 Euro auf 930 Euro erhöht. Der Generaldirektor weiß allerdings, dass dies nicht genug sein wird. Bis auf 1 300 Euro müssten sie sehr wahrscheinlich gehen. Der Durchschnittsverdienst in Russland liegt bei rund 370 Euro. Rund 18 000 Euro kostet eine Tonne Nickel auf dem Weltmarkt. Der Konzern ist ein profitabler Happen, um den derzeit Russlands mächtigste Oligarchen ringen: Im Zentrum steht Multimilliardär Oleg Deripaska, der Norilsk seinem Alu-Imperium Rusal einverleiben möchte.
Im Minenstädtchen Zapoljarnij spielt das alles keine Rolle: In 1 000 Metern Tiefe bauen hier die Bergleute für den Konzern das kupfer- und nickelhaltige Gestein ab. Die Stadt liegt – umgeben von heruntergekommenen Armeestützpunkten – unweit der norwegischen Grenze in einer „gesperrten Zone“. Nur mit einer Sondergenehmigung kommt man hier herein. Eine Reihe von maroden vierstöckigen Plattenbauten gegenüber der alten Zechen- und Verarbeitungsanlage, die schwarzen Qualm in den trüben Polar-Morgen bläst. Ein kleines Hotel, ein Supermarkt. Und ein neuer Spielplatz im Zentrum, um den sich die Eltern versammeln, während der Nachwuchs herumtobt.
Was sie von der Zukunft erwarten? Mehr Geld! Die Lebensmittelpreise steigen und die Kinder brauchen hier oben doch viel Vitamine und Obst. Und die Präsidentschaftswahl? Ist doch alles schon klar, so der Tenor. Dann Schulterzucken. Hingehen werden sie trotzdem – und den wählen, den alle wählen.
Der Rohstoffreichtum entscheidet über Wohl und Wehe der Provinzen
In der Spitze so gut wie Tschechien
Einige Regionen haben in den vergangenen Jahren einen erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt erlebt. Nach dem „Human Development Report“ der Uno weist Moskau einen Entwicklungsstand auf, der mit Tschechien vergleichbar ist. Wohlhabende Regionen wie Tatarstan erreichen immerhin ein Niveau ähnlich dem des neuen EU-Mitglieds Bulgarien.
In den großen Städten lässt sich gut leben
Vor allem die „Millioniki“, regionale Zentren wie Perm, Krasnodar oder Nowosibirsk, bieten inzwischen ein Plus an Lebensqualität, das gut ausgebildete Leute und ausländische Investoren anzieht.
Die Schlusslichter sind so arm wie Guatemala
Schlusslichter wie die Kaukasus-Republik Inguschetien kommen kaum auf das Niveau, das so rückständige Länder wie Guatemala oder die Mongolei aufweisen.
Die Wohlstandskluft wird immer größer
Hinter dieser Ungleichheit verbergen sich nicht nur Einkommensunterschiede, sondern oft auch eine völlig andere Lebenseinstellung der Menschen: So liegt in den Top-Regionen die im Landesschnitt vergleichsweise niedrige Lebenserwartung von 58 Jahren bei Männern und 72 Jahren bei Frauen deutlich höher, weil mit gut bezahlten Jobs eine veränderte Haltung zur Gesundheit einhergeht.
Der Rohstoffboom tut (fast) allen gut
Der von den Rohstoffexporten angetriebene Boom hat die Armut zurückgedrängt. 1999 hatten 96 Prozent der Regionen eine Armutsrate von über 20 Prozent. Inzwischen liegt dieser Anteil deutlich unter 60 Prozent.
Politisch gibt allein das Zentrum den Ton an
Putins Föderalreform hat die Macht der Gouverneure erheblich verringert. Sie werden nicht mehr gewählt, sondern vom Präsidenten eingesetzt. Fast alle gehören der Putin-Partei „Einiges Russland“ an.

