Hollandes Affäre
Die Medien als betrogene Enthüller

Affäre um eine Affäre: In Frankreich wissen seriöse Medien kaum mit der Berichterstattung um den mutmaßlichen Seitensprung Francois Hollandes umzugehen. Im Wirrwarr kippt allmählich die Stimmung – gegen Hollande.
  • 2

ParisSeit einer Woche kennen alle Franzosen die Rue du Cirque in Paris. Vor sieben Tagen veröffentlichte das People-Magazin Closer Fotos von Staatschef Francois Hollande und seiner Freundin Julie Gayet, aufgenommen vor der Nummer 20. Eine Woche ist lang für ein Medienphänomen, aber der Zirkus geht weiter. Nicht nur, weil Closer am Freitag nachlegen will und Gayet sich nun offenbar zur Klage gegen das Magazin entschieden hat, sondern vor allem, weil die seriösen Medien verdutzt eingestehen, dass sie den Boulevard bedienen – oder ihn zumindest nicht völlig ignorieren können.

Hollandes Affäre hat vermeintlich eherne Regeln zerschmettert. Das politische Satireblatt Canard Enchainé hatte lange seine mediale Verantwortungsethik in den Satz gefasst: „Die politische Information endet am Schlüsselloch des Schlafzimmers.“ Jetzt widmet die Zeitung mit der Ente ihren Aufmacher der Berichterstattung über das Liebesleben des Präsidenten und gesteht etwas gequält ein: „Unsere Linie hat sich nicht geändert, aber die Information schon.“ Der Canard schiebt die Verantwortung auf zwei Faktoren ab: People-Presse, soziale Netzwerke und Smartphones machten aus jedem Bürger einen Paparazzi und trügen Bettgeschichten auf die Straße. Und Hollande selber habe durch sein Verhalten dazu beigetragen, die Genres zu vermischen, die seriösen Medien sozusagen auf den Boulevard gelockt.

Es ist kurios, mit anzusehen, zu welchen Verrenkungen die Affäre in Frankreich führt. Le Monde, Flaggschiff des Qualitätsjournalismus, maß im eigenen Haus mit zweierlei Maß: Online berichtete man von Anfang an ausgiebig über die Affäre. Doch in Print ignorierte das Blatt Hollandes Seitensprung zunächst tapfer: Am Tag nach der Closer-Veröffentlichung fand sich keine Zeile dazu in der Holzausgabe. Auch die Politiker haben ihre liebe Not: Erst empörten sie sich darüber, dass Hollandes Privatsphäre verletzt worden sei.

Auch die konservative Opposition, in Liebesdingen mindestens so rege wie die Linke, verdammte das als unerträglich. Doch nach ein paar Tagen schaltete sie flink um: Plötzlich war Hollande nicht mehr der Geschädigte, sondern der Übeltäter. „Er zerstört die Werte, auf denen unsere Nation ruht“, ereiferte sich ein Sittenwächter der Sarkozy-Partei UMP: „Ihm bleibt nur der Rücktritt, bevor der Schaden noch zunimmt.“ . Eine Dame derselben Formation griff noch stärker in die Harfe: „Der französische Präsident darf nur eine Geliebte haben – die Nation.“

Kommentare zu " Hollandes Affäre: Die Medien als betrogene Enthüller"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Unser Präsident ist auch kein Vorbild.

  • "Es ist kurios, mit anzusehen, zu welchen Verrenkungen die Affäre in Frankreich führt. Le Monde, Flaggschiff des Qualitätsjournalismus, maß im eigenen Haus mit zweierlei Maß: Online berichtete man von Anfang an ausgiebig über die Affäre. Doch in Print ignorierte das Blatt Hollandes Seitensprung zunächst tapfer: Am Tag nach der Closer-Veröffentlichung fand sich keine Zeile dazu in der Holzausgabe. Auch die Politiker haben ihre liebe Not: Erst empörten sie sich darüber, dass Hollandes Privatsphäre verletzt worden sei."

    Das kennt man auch vom HB. [...] Wobei wenn ich mir die Kommentare zur Armutsmigration von Hanke, Berschens und der Marketingdame der letzten Tage in Erinnerung rufe, lässt mich das so langsam auch an der Qualität der Printausgabe zweifeln. Wenn das so weitergeht, wird man Abo gekündigt. Ich will Fakten, keine Meinungsmache oder Erziehungsversuche

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%