Horrende Etat-Defizite
Großbritanniens Bonität ernsthaft in Gefahr

Der britischen Wirtschaft und der Labour-Regierung von Premier Gordon Brown droht ein weiterer schwerer Rückschlag. Wegen der ausufernden Staatsverschuldung könnte die Insel als erstes großes Industrieland seine erstklassige Bonitätsnote verlieren. Am Donnerstag senkte die Ratingagentur Standard & Poor’s den Ausblick für die britische Bonitätseinstufung auf „negativ“.

LONDON. Großbritannien verfügt damit zwar weiterhin über die bestmögliche Note „AAA“, aber die Gefahr ist gewachsen, dass Standard & Poor’s (S&P) im nächsten Schritt den Daumen endgültig senkt.

Sollte die nächste britische Regierung nach den Unterhauswahlen, die spätestens im Mai 2010 stattfinden müssen, nicht einen glaubwürdigen Plan zum Abbau der Staatsverschuldung vorlegen, wäre das Rating in Gefahr, warnte S&P-Experte David Beers. Auch die zweite große Ratingagentur Moody’s hat moniert, dass sich die Bilanzposition des Vereinigten Königreichs rasch verschlechtere. Allerdings ist der Ausblick von Moody’s für die Bonitätsnote des Landes nach wie vor „stabil“.

Unmittelbar nach der Entscheidung von S&P gerieten britische Aktien, Staatsanleihen und das Pfund deutlich unter Druck. Im Zuge der Finanzkrise sind bislang vor allem kleinere europäische Volkswirtschaften in Schwierigkeiten geraten. Irland, Griechenland, Portugal und Spanien haben bereits ihr AAA-Rating eingebüßt. Großbritannien wäre das erste Land aus der Gruppe der sieben führenden Industrienationen (G7), das seine Topnote verlieren würde. Dann müsste Finanzminister Alistair Darling den Investoren höhere Risikoaufschläge für den Kauf von britischen Staatsanleihen bieten – zu einer Zeit, in der die Regierung dringend auf günstige Finanzierungsbedingungen angewiesen ist.

Die Insel kämpft mit der katastrophalsten Haushaltslage seit den fünfziger Jahren, als das Land seine Kriegsschulden abtragen musste. Die Neuverschuldung, wird sich in diesem Jahr auf 175 Mrd. Pfund belaufen. Das entspricht zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung, so viel wie in keinem anderen der 20 größten Industrie- und Schwellenländer. Dieses Defizit und die Kosten der Banken-Sanierung muss Darling vor allem über die Platzierung von Staatsanleihen decken. Der Schatzkanzler schockierte die Londoner City mit der Ankündigung, allein im laufenden Fiskaljahr werde das Emissionsvolumen 220 Mrd. Pfund betragen, das sind 50 Prozent mehr als 2008.

Die Nettoschuldenquote wird nach Schätzung der Regierung bis 2013 auf 79 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Die EU-Kommission erwartet schon im kommenden Jahr fast 82 Prozent. Und auch S&P schätzt, dass die Regierungsprognose zu optimistisch ist. Laut der Ratingagentur könnte die Schuldenquote bis 2013 sogar auf 100 Prozent klettern.

Die Wirtschaft Großbritanniens schrumpfte im ersten Quartal 2009 wie zunächst ermittelt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei im Vergleich zum Vorquartal um 1,9 Prozent zurückgegangen, teilte das Nationale Statistikbüro in einer zweiten Schätzung am Freitag in London mit. Volkswirte hatten mit einer Bestätigung der Erstschätzung gerechnet. Die britische Wirtschaft schrumpfte damit so stark wie seit 30 Jahren nicht mehr. Im vierten Quartal des vergangenen Jahres war die Wirtschaftsleistung noch um 1,6 Prozent zum Vorquartal zurückgegangen.

Im Jahresvergleich schrumpft die britsche Wirtschaft im ersten Quartal um 4,1 Prozent. Auch hier wurde die Erstschätzung wie von Volkswirten erwartet bestätigt. Im vierten Quartal war sie noch um 2,0 Prozent geschrumpft.

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