Hunderttausende protestieren
Rekorddemo in Beirut gegen Syrien

Einen Monat nach der Ermordung des früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri sind am Montag Hunderttausende Demonstranten in Beirut gegen Syrien auf die Straßen gegangen.

HB BEIRUT. Die Veranstalter sprachen von rund einer Million Demonstranten und dem größten anti-syrischen Protestmarsch seit dem Attentat. Viele Libanesen verdächtigen Syrien, in den Anschlag verwickelt gewesen zu sein, auch wenn Damaskus jegliche Beteiligung abstreitet. Das Attentat hatte das Land in eine tiefe politische Krise gestürzt, die in den vergangenen Wochen ihren Ausdruck in zahlreichen Massendemonstrationen für und gegen die syrische Präsenz im Land fand. Während die Proteste bislang friedlich verliefen, befürchten Politiker, dass die Polarisierung der Bevölkerung in Gewaltausbrüchen münden könnte. Nach den zahlreichen Protesten für und gegen Syrien erwägen die Behörden auch ein Demonstrationsverbot.

Syrien hat über Jahre als Ordnungsmacht in dem früheren Bürgerkriegsland fungiert. Unter internationalem Druck hat die Regierung in Damaskus indes mit dem Abzug aus dem kleineren Nachbarland begonnen und einen vollständigen Rückzug zugesichert.

Beirut war von den Protesten zu Wochenbeginn beinahe lahm gelegt. Auf den nördlichen und östlichen Einfahrtstraßen kam es zu Staus, weil viele Demonstranten in Bussen und Lastwagen anreisten. Augenzeugen berichteten von weiteren Teilnehmern, die mit Booten nach Beirut kamen, um dem Verkehrschaos zu entgehen. Die Demonstranten, die sich dann im Stadtzentrum drängten, forderten erneut eine internationale Untersuchung des Attentats und einen vollständigen Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon.

Verbalattacken gegen Syrien

Die Redner griffen Syrien scharf an. „Ihr wollt die Wahrheit? ... Die Welt und der Libanon kennen die Mörder. Sie kennen jeden einzelnen, Name für Name, Rang für Rang“, sagte Marwan Hamadeh, Druse und Abgeordneter der Opposition im libanesischen Parlament, der im Oktober selbst einem Anschlag entgangen war. „Ich fordere seine Exzellenz, den Präsidenten (Emile Lahoud) auf, dem Wunsch aller Libanesen nachzukommen: Treten Sie zurück und lassen Sie uns ausruhen!“, forderte der christliche Politiker Carlos Edde unter dem tosenden Applaus der Menge. Die Demonstranten hatten sich nur wenige Meter von Hariris Grab entfernt versammelt. Sie schwenkten rot-weiße Fahnen - die Farben der Opposition. Inmitten der Proteste legten sie zwei Schweigeminuten für den Ermordeten ein. Neben Christen und Angehörigen der drusischen Glaubensgemeinschaft nahmen dieses Mal auch zahlreiche sunnitische Moslems an der Demonstration teil. Der ermordete Hariri, der sich zuletzt auch für einen syrischen Truppenabzug ausgesprochen hatte, war ebenfalls Sunnit.

Am Sonntag waren Hunderttausende mit einer Massendemonstration dem Aufruf der pro-syrischen Hisbollah gefolgt. Sie hatten im Süden des Libanon, der Hochburg der Organisation, ihre Verbundenheit mit Syrien unterstrichen und sich gegen eine Einmischung der USA gewandt. Präsident Emile Lahoud rief zu einem Ende der Proteste auf und forderte die Opposition zu einem gemeinsamen Dialog über die politische Krise des Landes auf. Einige Mitglieder der Opposition schlossen sich Lahouds Aufruf an und warnten vor negativen Folgen für die politische und wirtschaftliche Stabilität.

Unter zunehmendem internationalen Druck hat Syriens Präsident Baschar al-Assad angekündigt, UN-Generalsekretär Kofi Annan in dieser Woche einen detaillierten Plan für den Abzug aller 14.000 Soldaten aus dem Libanon zu präsentieren. Nach Angaben aus libanesischen Sicherheitskreisen soll die erste Phase des Abzugs in den nächsten zwei bis drei Tagen abgeschlossen werden. Mehr als 4000 syrische Soldaten hätten den Libanon in der vergangenen Woche bereits verlassen. 2000 bis 3000 Soldaten seien in das östlich gelegene Bekaa-Tal an der Grenze zu Syrien verlegt worden. Wie Augenzeugen berichteten, haben die Syrer inzwischen auch mindestens vier große Geheimdienststützpunkte im Nordlibanon geräumt. Die USA fordern einen kompletten Abzug aller syrischen Soldaten bis zum Mai.

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